Theophilus, Posidonius und Co.

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ThN

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Hallo!
Gestern gab es einen unerwartet schönen Beobachtungsabend - diesmal wieder in unserem "Anwesen" im bayerischen Wald. Eigentlich hatte ich ja für die nächste Zeit mit astronomischen Beobachtungen abgeschlossen - der "böse Mond" (Bad moon rising und CCC lassen grüßen ;) ) sollte eigentlich alle Deeps-Sky Ambitionen zunichte machen.

Dank des guten Wetters wurde gegrillt und es wurde sehr gemütlich. Dabei fiel uns auch der noch recht neue Mond (so vier bis fünf Tage alt) auf, der hoch über dem Innenhof am Himmel stand. Da kam dann die Idee "Wenn schon nicht Deep-Sky, dann wenigstens Mond" auf. Obwohl noch hell (es war so gegen 20 Uhr) bauten wir unser 10"-Dobson auf und waren doch einigermaßen sprachlos, was sich uns da an Details bot!

Als erstes fiel ziemlich in der Mitte und direkt am Terminator ein markanter Krater, mit "Knopf in der Mitte" auf. Der Krater Theophilus. "Sieht ja aus wie der Anschluss für's Koaxialkabel" war der erste Eindruck. In Wirklichkeit sind das eine Reihe von Zentralbergen, die diesen Eindruck vermitteln. Leider waren die beiden Partnerkrater Cyrillus und Catharina nicht zu beobachten, sie lagen noch jenseits des Terminators.

Weiter unten (im Dobson gesehen, d.h. nördlich) wurde dann der Bereich zwischen dem Mare Crisium und Terminator in Augenschein genommen. Sehr spannend war der Doppelkrater Posidonius / Chacornac und eine ganze Reihe markanter, dunkler Krater in der Nähe. Am auffallendsten war jedoch eine markante schlangenförmige "weiche" Gebirgskette im anschließenden Mare Serenitatis. Diese Formation wurde von dem deutschen Astronomen Schroeter entdeckt. Leider konnte ich nur den englischen Namen "Serpentine Ridge" ergoogeln.

Das Schöne an der Mondbeobachtung ist, dass man sie schon im Hellen machen kann, ganz entspannt. Die Karten kann man praktischer Weise ohne Rotlicht studieren. Bin schon gespannt, was der Mond heute hergeben wird. Gleiches Programm: Grillen mit anschließendem Spechteln. ;)

Der Rest des Abends sei auch noch geschildert: Mit voranschreitender Dämmerung kamen dann die Planeten dran: Saturn und Mars. Mars war nur ein kleines, hübsches Scheibchen. Saturn kam besser rüber: Cremefarbige Schattierungen und der Schatten des Rings und zwei Monde auf erstem Blick (muss noch nachgucken welche das waren).

So gegen 23 Uhr kam dann der Wunsch auf, "eine Galaxie zu sehen". Mein Einwand, dass es bei dem hellen Mond nicht so gut rüberkommt fand keine Gnade. Schließlich suchte ich dann M66 auf. Bei dem aufgehellten Himmel war das in dem 43mm Swan-Okular (etwas Untervergrößerung) nicht so prickelnd - nur ein schwaches Nebelchen gegen den recht hellen Hintergrund. Im 9mm sah's dann aber doch prima aus und mein Partner war beeindruckt, besonders von der Vorstellung, dass man da 30 Millionen Jahre in die Vergangenheit guckt. Wir guckten uns dann noch den Kugelsternhaufen M3 an. Toll, wie alle Kugelsternhaufen, wenn man sie schön auflösen kann.

Ich machte dann alleine weiter. So gegen Mitternacht stand der Mond schon ziemlich tief, hinter ein paar Bäumen, und störte nicht mehr so sehr. Von Lothar (Lots) bekam ich den Tipp mit dem großen T in der Jungfrau. Nach einigem Peilen und Rumrühren war das auch schön im Sucher zu sehen. Ich benutze die Detailkarte im Starguide-Katalog zum Aufsuchen von Galaxien. Das praktische am großen T: Gleich drei Messier-Galaxien stehen da drin: M98, M99 und M100. Ich hatte allerdings größte Mühe, die drei (besonders M98) zu entdecken. Der Himmel war halt immer noch ziemlich hell. Dank der guten Detailkarte gelang es denn und im 9er Okular kamen sie dann doch wieder ganz gut raus.

So gegen 1 Uhr, nach einigen Rumsurfen im Bootes, Schlange und Waage (Sternemuster suchen, Doppelsterne) war dann Schluss. Fazit: Auch in hellen Nächten geht so einiges!

Thomas
 
Aristoteles, Ariadaeus-Rille und Co.

Und hier kommt der 2. Teil (sind eigentliche keine Mondbeobachter da??)

Am 6. Mondtag gab es wieder prima Beobachtungsbedingungen - hervorragende trockene und durchsichtige Luft und nur wenig Turbulenzen. Ich beobachtete durchgängig bei 210x, manchmal auch bei 320x. An das ständige Dobsongeschubse gewöhnt man sich (notgedrungen). Eine fette, äquatoriale und damit teure :( Montierung wär' da schon etwas Feines.

Den Auftakt machten die Krater Eudoxus und Aristoteles, sehr Nahe am Terminator im Norden gelegen. Es war schön zu sehen, wie im Laufe der Nacht der Terminator weiterwandert und immer mehr Details freigibt, auch die Stellung der Schatten und ihre Flächen in den Kratern ändert sich, so dass Zentralberge, Rillen und andere Merkmale nach und nach auftauchen und in immer neuem Licht erscheinen. So taucht dann später eine Hügelkette auf, welche die beiden Krater im Bogen verbindet. Der rechte Kraterrand von Aristoteles wirkt "recht kantig". Später taucht dann rechts der sehr flache, fast aufgefüllte Krater Egede auf. Interessant: Der Kraterrand ist eine dünne, ovale, weiße Linie, d.h. das Licht steht genau auf dem Kraterrand, der aber fast keinen Schatten wirft.

Vom Krater Eudoxos bis zum Nordrand des Mare Serenitatis verläuft der Kaukasus, ein unglaublich zerklüftetes Gebirge, bei dem man wegen der langen Schatten aber nur die nadelartigen Bergspitzen sieht. Vielleicht kommt das Gebirge am 7. Tag noch etwas besser heraus?

Das Mare Serenitatis wirkt wunderbar glatt, mit sanften Hügelketten ("wrinkle ridges") durchzogen. Die Serpentine-ridge, die gestern noch sehr plastisch wirkte kommt heute kaum zur Geltung - dafür tauchen im Westen nach und nach weitere auf. Sie sehen sehr dunkel aus, wirken fast wie Narben. Nur wenige, perfekt-kreisförmige Krater sind in dem Mare zu besichtigen. Der größte ist Bessel, später fällt mir der kleine Sarabhai auf.

Von der Mitte des Mare Serenitatis geht es südwärts, Richtung Terminator. Im Abschluss des Mares, in den Montes Haemus liegt der markante Krater Menelaus. Genau südlich von ihm fällt mir ein großer Krater auf, es ist Julius Caesar. Am südlichen Rand dieses Kraters ist eine Art rundes "Eingangstor". Noch markanter ist allerdings eine mächtige diagonal (SO-NW) verlaufende Bergkette. Sie (bzw. der tiefe Schatten) wirkt wie eine tiefe Narbe oder so, als ob mit einem Messer kräftig eingekerbt wurde. Leider habe ich (noch) keinen Name gefunden - im Online Rükl-Atlas, sowie auf den Lunar Charts (LAC) finde ich keine Bezeichnung.

Als nächstes sollte eigentlich die Ariadaeus-Rille auf dem Programm stehen. Aber ich habe mir eine schlechte Aufsuchstrategie ersonnen. Ich möchte bei den Kratern Agrippa und Godin starten. Bei denen herrscht aber noch Nacht. Also gucke ich mir jetzt ziemlich im Süden die Krater Maurolicius und Barocius an. Wow! Die beiden bilden ein prächtiges Paar, die aneinander zu kleben scheinen, sie bilden quasi eine verschlungene Acht und der verbindende Karterrand ist ungeheuer wulstig (und hoch: 4000m). Am Anfang ist das Kraterinnere von M. noch pechschwarz, später sehe ich den Zentralberg in einem winzigen Lichtpunkt erscheinen - alles andere ist schwarz.

Ich gehe noch einmal zurück zu Julius Caesar und sehe jetzt deutlich eine feine, schwarze, OW-verlaufende Linie. Ich vergleiche im Kosmos-Mondführer und überraschender Weise: es ist die Ariadaeus-Rille! Die hatte ich da gar nicht vermutet. Ich beobachte sie bei 320x (harte Arbeit ;) ). Sie läuft bis zu einem markanten, plastischen Krater, der direkt auf einer Bergkante zu liegen scheint. Es ist der Krater Silberschlag. Diese Bergkette verläuft grob von N nach S. Dort endet sie an dem kaputten Krater Tempel und verläuft, dessen nördl. Rand bildend wie ein grober Keil wieder nach Westen und verschwindet im Terminator. Ein richtig wildes Schauspiel war das! Den weiteren Verlauf der Rille und den Krater Agrippa konnte ich leider nicht mehr verfolgen, das ist etwas für den 2. Pfingsttag.

So, das war's im Wesentlichen. Interessant vllt. noch das breite und kräftig eingekerbte Rheita-Tal mehr im Süd-Osten, eigentlich mehr ein Objekt für den 4. Abend aber immer noch ziemlich plastisch. Mir fällt außerdem noch ein markantes dunkleres und schmales Tal auf, das etwas nördlich vom Metius-Krater beginnt und Richtung NNW verläuft. Es hat aber anscheinend keinen Namen.

Gegen 23 Uhr war dann Schluss und es gab Saturn als "Nachtisch". Heute konnte ich nur einen Mond erkennen (die Profi Planetenbeobachter lachen bestimmt darüber ;) ).

Heute werde ich dann wohl die Ariadaeus-Rille weiter verfolgen...

Thomas

P.S. Benutzt habe ich übrigens den Kosmos Mondführer. Wirklich prima in seinen Beschreibungen und Fotos und im Aufbau! Leider nicht vollständig. Zur Nacharbeit benutzte ich dann den Online Rükl-Atlas (Link s.o.) Sehr praktisch!





 
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Re: Aristoteles, Ariadus-rille und Co.

Hallo Thomas,

(sind eigentliche keine Mondbeobachter da??)

Doch, doch...! ;)

Vielen Dank für Deinen schönen Bericht!
Ich war gestern etwa gegen 22.30 bis 23.15 auf dem Mond spazieren (Mit TMB 115 bei Vergrößerungen zwischen 160x und 230x). Da wir zu der Zeit einige Geräte verglichen haben, hatten wir uns vor allem die Ariadaeus Rille und Umgebung ausgesucht. Leider habe ich nicht die genaue Urzeit notiert, aber wir konnten schon den Sonnenaufgang im nächsten Tal beobachten und dort die Rille noch weiter verfolgen.
Ich hatte leider keinen Mondführer draußen, aber drinnen konnte ich dann im Kosmos Mondführer ganz gut vergleichen. Besonders schätze ich am Kosmosführer die Ansicht meines Instruments wählen zu können, so fällt es mir leichter Konstellationen wieder zu finden. Fürs Detail nehme ich dann ebenfalls den Rückli Mondatlas, wobei ich es manchmal ganz schön schwierig finde, den Atlas mit meinen Eindrücken in Einklang zu bringen. Die tatsächlichen Schatten auf dem Mond können eine Gegend eben ganz anders erscheinen lassen, als man sie dann im Rückli sieht und dann kommt die von meinem Anblick her unterschiedliche Orientierung noch erschwerend hinzu.

Viele Grüße, Jürgen



 
Re: Aristoteles, Ariadus-rille und Co.

Hallo Jürgen - der heißt übrigens Rückl und nicht Rückli. Ist auch kein Schweizer sondern Tscheche ;) . Ja, die Schatten sind eben das Salz, Pfeffer und sonstige Gewürz in der Suppe. Der Kosmos Mondführer ist schon toll - Nur schade, dass er keine richtige Mondkarte drin hat.

Heute gibt's übrigens Rillen satt! :cool:
 
Re: Aristoteles, Ariadus-rille und Co.

Hallo Thomas,


Ja, da freue ich mich auch schon drauf. Heute wird der Mond, neben Saturn, mein Hauptbeobachtungsobjekt und diesmal wird der Mondführer von Anfang an dabei sein. ;)

der heißt übrigens Rückl und nicht Rückli. Ist auch kein Schweizer sondern Tscheche ;\)

Danke für den Hinweis, ich wußte das sogar, aber irgendwie verführt mich der Name Rückl immer wieder dazu ein "Rückli" daraus zu machen... ;) Vielleicht war ich schon zu oft in der Schweiz und zu selten in der Tschechoslowakei ;)

Viele Grüße und viel Spaß heute abend mit dem Mond,
Jürgen
 
Re: Aristoteles, Ariadus-rille und Co.

Hallo Thomas, hallo Jürgen,

schön das es noch ein paar "Mondsüchtige" gibt. :) Ich habe ebenfalls die letzten zwei Tage den Mond intensiv beobachtet. Jeweils etwa 2½ Stunden binokular mit dem Takahashi FS-128 bei Vergrößerungen von 147x bis 236x. Eigentlich wollte ich auch einen kleinen BB schreiben, war dann aber doch zu faul ... um so mehr freue ich mich über den schönen Bericht von Thomas. Da ich von meiner kleinen Rolldachsternwarte aus beobachte, kann ich direkt am Fernrohr mit dem Online-Rükl und den Lunar Chart (LAC) Series vergleichen.
Vorgestern hatte ich es besonders auf die Höhenrückensysteme Dorsa Smirnov und Dorsa Aldrovandi im Mare Serenitatis (Rükl-Karte 24) abgesehen, da sie nur in Terminatornähe wunderbar plastisch zu bewundern sind. Besonders interessant war auch die kurze Kraterkette Catena Littrow, bei der ein Kleinkrater durch seine besondere Helligkeit auffiel. Weiter südlich im Mare Tranquillitatis (Rükl-Karte 35) war das ausgeprägte Höhenrückennetz Lamont sehr beeindruckend.
Gestern waren die Höhenrückensysteme kaum noch sichtbar im Vergleich zum Vortag. Der Terminator war weiter gewandert und gab nun den Blick auf Ritter und Sabine frei. Der erste Test war der Kleinstkrater genau zwischen Ritter B und C. Mein besonderes Augenmerk galt aber wieder dem Mare Serenitatis (Rükl-Karte 13) wo die Valentine Dome gerade ins Morgenlicht getaucht wurden. Dies war ein besonderer Moment, da ich bis jetzt noch nie den direkten Verlauf des Terminators über die Dome beobachtet hatte. Hier noch eine schöne Zeichnung von Richard Handy.
Na dann, viel Spaß Euch beiden heute Abend!

 
Re: Aristoteles, Ariadus-rille und Co.

Hallo Ralf,

danke für die schönen Links!

Na dann, viel Spaß Euch beiden heute Abend!

Danke, den habe ich gehabt. Die Rillen waren visuell ein Genuß! Nebenbei habe ich auch noch ein bischen fotografiert, aber der visuelle Eindruck ist natürlich viel schöner und genauer.
Mond

Viele Grüße, Jürgen


 
Re: Aristoteles, Ariadus-rille und Co.

Hier ein paar Highlights (ganz subjektiv):

- Die Schatten der Alpenberge (bizarr!)
- Piton, Piton Gamma und dunkle Dorsae im Regenmeer
- Osthang von Archimedes
- Sumpf der Fäulnis und Apenninen
- Hyginusrille
- Triesneckerrillen (delikat!)
- Der Krater Walter (wie eine Muschel) mit merkwürdigen
"Terrassen" zum Krater Nonius

Das Seeing war schlecht heute. Wir lagen heute zw. dem 6. und 7. Abend laut Kosmos-Mondführer. Einige der Highlights (z.B. Ptolemaeus, Arzachel, Alphonsus) waren deshalb nicht zu beobachten - dafür kamen andere groß heraus. Das ist das Schöne am Mond beobachten - jeder Krater hat seine Zeit. ;)

Thomas

 
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Re: Aristoteles, Ariadus-rille und Co.

Hallo Thomas,

also erstmal vielen herzlichen Dank für die zwei schönen Links. Die haben mich gestern den ganzen Nachmittag "gekostet", denn ich wollte dem Mond nicht noch einmal so unbewaffnet gegenübertreten, wie am Sonntag. Da hatte ich nach dem Grillen es nur auf gut Glück vom Oberfeld versucht, allerdings ohne jegliche Mondkarten. Zusätzlich war das Seeing bescheiden, und so blieb der Abend kurz und wenig nachhaltig.

Gestern sollte das anders werden. Ich habe mir von den Lunar-Charts drei Serien ausgedruckt:

1. 12-25-41-59-77-95-112
2. 13-26-42-60-78-96-113
3. 24-40-58-76-94 (war aber noch im Schatten)

Von den Rückl-Bildern hatte ich mir die komplette f-Spalte (4,12, ... 73) und ein paar ausgewählte Blätter nebenan (4g, 5g, 6g) mitgenommen.

Mein vorrangiges Ziel des Abends war, mich am Mond anhand der Karten zu orientieren und die beiden Kartenwerke im Vergleicht zu testen, mit welchem ich besser zurecht komme. Statt bestimmte Objekte zu suchen, wollte ich einfach nur finden und identifizieren.
Als Gesamtübersicht hatte ich noch das Lunar Earthside Char (LMP-1) und eine historische Karte (deren Quelle ich aber nicht mehr finde) dabei. Zur groben Orientierung brauche ich einfach einen Überblick, und dazu habe ich heute hier noch diese Gesamtansicht und diese sehr stilisierte Zeichnug gefunden und ausgedruckt.

Weil ich vermeiden wollte über die Stadt zu blicken, hatte ich mir gestern Abend als Beobachtungsort nicht das Oberfeld, sondern einen Spargelacker östlich von Griesheim gewählt. Da ich ja unter anderem mit Kartenmaterial der US-Airforce ausgerüstet war, hatte es mir auch nichts ausgemacht, mein Quartier in unmittelbarer Nachbarschaft des US-Militärgeheimdienstes zu beziehen.

Mein erster Blick auf Regulus und Saturn hat allerdings gezeigt, dass das Seeing dort an dem Abend genauso bescheiden war wie am Tag zuvor. An der Stadt lag es also nicht unbedingt. Auf den Mond eingestiegen bin ich von der Nordseite und habe mich im astronomisch um 180° gedrehten Bild von Unten hochgearbeitet. Die Alpen und Apeninnen kante ich schon von einer früheren Mondreise und so konnte ich mit der Karte LAC-12 recht schnell das erste Erfolgserlebnis verbuchen. Im Alpental konnte ich aber keine Kühe erkennen, dafür reicht der 6" f/8 Dobson wohl nicht aus. Als Okular habe ich mein neues 9mm TSSWM probiert, was eine Vergrößerung von ca. 133-fach bedeutet. Damit hat man das schlechte Seeeing zeitweilig aber schon recht deutlich gespürt, drumm hatte ich mir für diesen Abend keine sensationellen Entdeckungen erwartet.

Weiter ging es hinauf auf LAC-25 und da hatte ich mein erstes Orientierungsproblem. Im Okular fand ich zwei "kleine" Krater wo in der Karte mit Aristillus einer verzeichnet ist, der mir nach der Darstellung viel zu groß erschien. Auch auf der angrenzenden Karte LAC-41 fanden sich keine zwei passenden Kandidaten, sondern auch nur so eine große Grube (Autolycus). Also irgend etwas stimmte da mit meiner Vorstellung nicht, und hätte ich die Alpen nicht schon sicher erkannt, dann wäre ich glatt in Versuchung gewesen die Karte um 180° zu drehen, um im Süden nochmal von vorne mit der Suche nach meinen zwei "kleinen Kratern" zu beginnen. Erst nach dem ich Archimedis und noch ein paar kleinere Krater der Karte (ach, die sind bei 130x ja winzig) zugeordnet hatte, war mir klar, dass meine zwei kleinen Krater in wirklichkeit Aristillus und Autolycus waren. Dadurch, dass sie auf zwei getrennten Bättern (LAC 25 und 41) erscheinen sind sie auch nicht so einfach als Formation zu erkennen.

Daraufhin habe ich mich kurzer Hand entschlossen meine Reise mit dem 5.2mm ED-Okular (230x) fortzusetzen, damit das Bild des Teleskops etwas mehr Ähnlichkeit mit der Karte bekommt, auch wenn das Seeing eigentlich nicht so dafür stand.

Mit der so erhöhten Vergößerung bin ich nun weiter hinau auf Karte LAC-59 vorgestoßen und habe die Rima Hyginus enteckt.
Den markanntesten Krater der Gegend habe ich auch schnell als Triesenecker identifiziert. Zu meinem erstaunen war dabei in dessen nähe relativ lang auch die Triesenecker-Rille zu sehen und in ein paar ruhigen Momenten sogar einen kleiner Krater an der Stelle, wo in der Karte Triesenecker-F verzeichnet ist.

Für den Übergang via Karte LAC-77 zu LAC-95 habe ich mir wenig Details gemerkt. Auf LAC-95 hatte ich wieder gewisse Orientierungsprobleme, aber nach etwas Eingewöhnung (immernoch scheint im Okular alles vergleichsweise klein) habe ich auch die Stelle gefunden, die mich vom Anblick der Karte am meisten interessiet hatte: Das Tal zwischen Parrot C und La Caille GA. Auf LAC-112 habe ich dann nicht nur den Überblick, sondern auch ein klein wenig die Lust verloren den Terminator weiter gen Süden abzugrasen.

Stattdessen bin ich in den sonnigeren Osten auf LAC-60 gewechselt und habe Sabine Ritter besucht. Ritter C, B und D sitzen wie auf einer Perlenkette aufgereiht, schön anzusehen. Von da aus war ich zuerst runter zu Plinius gesprungen, aber HALT, auf der Karte steht "Julius Caesar" und einen Imperator lässt man doch nicht einfach rechts liegen ;)

Ausserdem war da doch noch was, von dem Thomas hier schon berichtet hatte, also wo ist die nächste Rille? Und da war sie schon, und sooooo laaaaange, wow! Mittendrinn der Krater Silberschlag erinnert an einen kleinen Bergsee, vielleicht der Silbersee?

Nachdem ich die Rille auf ihrer ganzen Länge verfolgt habe, suche ich eine Verbindung zur Hyginus-Rille, finde aber keine. Statdessen blitzen nördlich der Hyginus-Rille mmanchmal zwei klitze kleine Krater auf, die ich als Hyginus-C und -F identifiziere. Am östlichen Ende der Ariadaeus-Rille entdecke ich bei ganz genauem hinsehen manchmal auch Ariadaeus-D.

Da das Seeing nun durch den schon etwas abgesunkenen Mond die hohe Vergrößerung kaum noch gewinnbringend zulässt wechsle ich wieder auf 9mm (bzw. auch mal in Vergleich 10mm "Super") und probiere aus, ob ich besser mit oder ohne Graufilter (ND96-0.9) sehe. Ohne Filter erkenne ich klar und deutlich mehr Details und der Kontrast erscheint mir besser zu sein. Auch bei mittlerweile grauenhaftem Seeing kann ich manchmal ohne Filter neben dem Triesenecker noch einen feine Linie erahnen, aber mit Filter ist da nichts mehr. anschliessend ohne Filter wieder ganz ganz schwach, aber gerade noch manchmal zu erkennen.

Nach ein paar weiteren Versuchen mit dem 25mm Plössl kommt ein kühler Wind auf, und der Mond steht auch schon so niedrig, dass ich so gegen 1:30 einpacke und die kurze Strecke Heim fahre.

Als Fazit muss ich sagen, ich war erstaunt, wieviel man trotz dem miesen Seeing noch an Details auf dem Mond erkennen konnte.

Zwichendurch hatte ich auch mal probiert, wie ich am Terminator mit dem Rückl-Karten zurecht komme, aber die LACs haben mir doch besser gefallen. Was mir an denen allerdings etwas Probleme macht sind die Übergänge zwischen zwei Blättern. Das ist bei Rückl besser und deutlicher gelöst.
Was ich mir gerne noch mal anschauen möchte, ist der kleine Rückl. Mit ganz wenigen Karten (nur gerade mal 8) wird die Sache für mich vieleicht noch etwas übersichtlicher zu orientiern. In 74 Karten ist der Mond ja schon ganz heftig zerhackt.

Uff, jetzt ist mein erster Beobachtungsbericht hier im Forum doch ganz schön lang geworden.

Viele Grüße
Stephan

PS. und dabei müsste ich ja eigentlich auch diesen noch fortsetzen. Das kommt aber noch.
 
Re: Aristoteles, Ariadus-rille und Co.

Hallo Stephan -
Interessant und spannend dein Bericht! Ich finde Mondbeobachten hat etwas sehr abenteuerliches an sich. Toll, was man da entdecken kann. Ich erinner mich, wie ich einmal ganz traurig dachte, einen dicken Kratzer in der Optik zu haben. Dabei war es die "gerade Wand", auch Schwert im Mond genannt. ;)

Mit Karten macht es eindeutig mehr Spaß. Sonst entgeht einem doch vieles. Im "Feld" habe ich aber nur den Kosmos Mondführer. Trotzdem finde ich auch auf eigene Faust interessante Sehenswürdigkeiten (Bsp. "Walter"). Ich mach dann eine Beschreibung auf Voicerecorder und bin dann schon gespannt auf die Nacharbeit am PC (Rükl und LAC).

Was ich unbedingt noch brauche ist ein gutes "planetary" Okular. 3 bis 4mm? (ca. 300 bis 400x), falls man mal Super-Seeing hat.

Mal schauen, ob heute noch was läuft!

Thomas

 
Re: Aristoteles, Ariadus-rille und Co.

Hi Thomas hi Stephan,

@Thomas: Habe das Planetary 4mm, da kannste ja mal Probe gucken. Den einen gefält's den anderen nicht. Liefert aus meiner Sicht einen guten Kontrast, besser als die Hyperions. Allerdings sind die Planetary Okus nicht ganz reflexionsfrei und der Einblick mit Brille will gelernt sein! Ein Vergleich mit den (teueren) Radian Okus ist bestimmt interessant.

@Stephan: Wau, toller, ausführlicher Mondbericht mit vielen Links zu weiterführenden Infos. Warst du letzten Do noch mal draußen im OdW?

Gruß

Lots
 
Re: Aristoteles, Ariadus-rille und Co.

Hallo Thomas,

Zitat von ThN:
Ich erinner mich, wie ich einmal ganz traurig dachte, einen dicken Kratzer in der Optik zu haben. Dabei war es die "gerade Wand", auch Schwert im Mond genannt. ;)

[...]

Mal schauen, ob heute noch was läuft!

na so ein Zufall, gerade heute ist das Schwert im Mond über die Klinge des Terminators gehüpft.

Ich war diesmal wieder am Oberfeld, aber da ist mehr gelaufen als mir lieb war. Der Bauer hat bis spät in die Nacht noch mit zwei Traktoren herumgezackert. Zum Glück relativ weit weg, aber Krach hat es genug gemacht. Der erste Traktor hat sich um 1:15 und der Zweite erst um 1:45 vom Acker gemacht. Ich hoffe nur, dass das jetzt hier nicht auch noch zur Gewohnheit wird, wie in manchen Gegenden in Österreich, wo die Nebenerwerbsbauern nachts mit Flutlicht die Felder bearbeiten :o

Heute habe ich zuerst mit dem Dobson versucht das wiederzufinden, was ich die Nacht zuvor beobachtet hatte. Es hat ganz schön lange gedauert, bis ich den Triesenecker wiedererkannt hatte. Seine Rille war heute aber sehr viel schwieriger zu sehen als gestern. Die Rima Hyginus ging noch vergleichsweise gut, aber auch die
Ariadaeus-Rille habe ich heute nur noch in wenigen Teilen erkennen können. Ein Tag macht da doch sehr viel aus in der veränderten Beleuchtung. Dafür ging die Rima Hyginus noch vergleichsweise gut, sogar im Tschibo-Torpedo.

Den habe ich heute nämlich gegen die doppelte Öffnung meines Dobsons am Mond getestet, und da sah er schon ganz schön alt aus. Das Seeing war ebenso schlecht wie gestern, und ich habe beide Geräte mit ca. 135-fach (5.2mm ED-Okular am 76/700 und 9mm TSSWM am 150/1200) betrieben. Man konnte gut erkennen, wie das Wabern in beiden Geräten ungefähr das gleiche Ausmaß annahm, aber im Dobson deutlich schärfer und damit unruhiger erschien.

Zum direkten Vergleich hatte ich die zu Rupes Recta (die Lange Wand, Karte: LAC-95) benachbarten Krater Birt und Thebit betrachtet. Insbesondere Birt-A hat der Kleine nur recht selten erkennen lassen, wärend er im Dobson meist deutlich zu sehen war. Thebit-L war mit den 76mm Öffnung gar nicht auszumachen, aber bei 150mm ging es zumindest für kurze Momente.

(siehe auch dieses Bild, Quelle: avl-lilienthal.de)

Mir hat der Vergleich deutlich gezeigt, wie auch bei sehr bescheidenem Seeing die größere Öffnung einen gravierenden Vorsprung bringt. Alleine vom Anblick im Tschibo-Torpedo hätte man auch sagen können "das Seeing gibt heute nicht mehr her", aber die kurzen Momente in denen das Bild mal ruhig steht, reichen aus, um bei der größeren Öffnung daraus einen bleibenden Eindruck zu gewinnen.

Viele Grüße
Stephan

PS. Dass der Kratzer im Mond und nicht in der Optik ist, merkt man aber bei beiden deutlich, weil keiner automatisch nachgeführt wird.
 
Von Plato bis zum Schwert im Mond

Hallo Stephan,
habe gestern "natürlich" auch beobachtet und war auch überrascht, dass die lange Wand auf dem Programm steht. Sie sieht wirklich wie ein Schwert aus, nicht? So ne Art orientalisches Schwert (leicht gekrümmt) mit hübschem Griff. Weitere Beobachtungen (bei zeitweise besserem Seeing):

Birt-Rille bei der großen Wand. Hartes Stück Arbeit, ist sehr schwach. Das Seeing stört aber ich sehe sie dann bei 6mm Brennweite mehrere Male sehr deutlich. Sie startet bei Birt und endet bei einem, bzw. durchtrennt(?) einen "dunklen Fleck", einen Dom.

Tycho taucht am Terminator auf, aber man kann noch nicht ahnen zu welch einem Prachstück der sich im Laufe der nächsten Tage entwickeln wird. Auch Eratosthenes taucht am Terminator auf (wirkt aber gar nicht wie ein Sieb - kleiner Inside-Joke ;) ). Südlich davon stehen Gambart B und C etwas abseits des Äquators. Welch ein Glück! Ich kann den Gambart-Dom bei ihnen ausmachen. Er wirkt sehr plastisch, klein und dunkelgrau. Oberhalb tauchen spitze Berge am Terminator auf - sie wirken wie ein Igel.

Archimedes ist heute zur Gänze zu sehen. Wirkt wie ein Fußballstadion aus Vogelperspektive. Genauer, etwas wie ein Omega. Die Archimedes-Berge wirken sehr plastisch. Auffällig der flache, dunkle Krater Wallace in der Verlängerung dieser Berge bis zu Eratosthenes.

Die Apenninen sind heute auch vollständig zu erkennen. Diesmal schaue ich mir die sehr deutliche Fresnel-Rinne und einige kleinere, schwächere Rinnen an. Der Berg Huygens ist diemal Dank der guten Schattenverteilung prima zu erkennen. Wirkt tatsächlich wie ein Berg aus Vogelperspektive. Hat der oben eine Vertiefung?

Weiter im Norden ist jetzt Spitzbergen als kleines isoliertes Gebirge zu erkennen. Rechts davon verläuft ein dunkler, flacher Bergrücken halbkreisförmig südwestlich zum Terminator. Innen drin 2-3 kleine, plastische Krater. Was ist das? Dieser Bergrücken startet schon südlich des Kraters Kirch. Muss ich am nächsten Abend weiter verfolgen.

Im Norden schließlich der dunkle Plato. Sein östlicher Kraterrand wirft bizarre, zackige Schatten bis etwa 1/3 des Kraterdurchmessers. Die berühmten kleinen Krater im Inneren kann ich nicht sehen (nur einmal blitzt einer ganz kurz auf). Vom SO-Rand verläuft ein dunkler, flacher Gebirgsrücken sehr auffällig bis zum Krater Piazzi Smyth.

Das war jetzt in umgekehrter chronologischen Reihenfolge. Zum Schluss schaue ich mir den voll beleuchteten Teil des Mondes an. Gar nicht "langweilig". Man erkennt sehr schön die Grau-Schattierungen in den Maren. Auffällig der weiß-leuchtende Krater Proclus beim Mare Crisium. Ich erkenne drei Strahlen, schön symmetrisch im 120° Winkel.

Thomas

P.S. das mit dem "Kratzer" war vor einiger Zeit bei anderer Beleuchtung und kleiner Vergrößerung. Ich war dann erleichtert als der "Kratzer" sich mitbewegte und dann also doch kein Kratzer war. Dann nahm ich ein größere Brennweite, beobachtete das Ding und schlug das Ding dann im Mondbuch nach. Ein richtiges "Aha-Erlebnis" - so müssen Beobachtungen sein! ;)
 
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