Re: Himmelshintergrund
Hallo Winfried,
APO-Preise sind sicher auf den ersten Blick hoch und man kommt ins Grübeln, wenn man den Auftrag bekommt, sie zu rechtfertigen.
Es spielen sicher viele Faktoren zusammen, wenn die Preisfindung beim APO losgeht. Einerseits wissen sowohl Händler als auch Hersteller, dass es ein Apo ist. Ich möchte meinen, dass die Geräte dadurch einen gewissen "Preisbonus" oben drauf bekommen.
Bis vor kurzem waren APOs nicht wirklich Massenartikel, aber immerhin werden sie schon lange "in Serie" hergestellt. Die vergleichsweise geringe Stückzahl erhöht für gewöhnlich den Preis.
Ein solches Teleskop soll nicht nur optisch, sondern auch mechansich perfekt sein. Das heißt es wird eben alles am Gerät recht hochwertig ausgelegt und was noch viel schlimmer ist, möglicherweise macht sich wer Gedanken, um intelligente Lösungen fabrizieren zu lassen. Gedanken lässt man sich immer teuer bezahlen. Wenn es um die Linsenfassung geht, ist beim APO eine mechanisch clevere Konstruktion auch besonders wichtig. Ein perfektes Blendensystem ist da normalerweise inclusive.
Dann sind da noch die Gläser. Fluorid-Kristall ist teuer, weil ein sauberer Groß-Kristall gezüchtet werden muss. Der ist dann sehr schwer zu schleifen, weil Fluorid gerne unter kleiner Belastung schon in kleine Doppelpyramiden zerspringt. Im Mineralienbuch steht da "Spaltbarkeit vollkommen nach dem Oktaeder".
Link zur Grafik:
http://forum.astronomie.de/phpapps/ubbthreads/attachment_upload/502097-CaF2k.jpg
ED oder SD Gläser, zu denen ja im Laux steht, dass mit modernen ED Gläsern wie FPLxx zusammen mit passendem Partnerglas dieselbe Leistung wie mit einem Fluorid-Kristallapo zu erzielen ist, kosten natürlich auch ihr Geld. Hinzu kommt, wie von Händlern berichtet wird, dass die Schmelzen immer leicht unterschiedliche Brechzahlen haben, und dass deshalb für jede Charge Gläser die APOs neu gerechnet werden müssten.
Ich würde mich freuen, wenn Harrie vielleicht mal durchblicken ließe, wie das in der Praxis ausschaut, ob man womöglich schon Lösungen für den gesamten "Spielraum" des Herstellers in der Schublade hat, oder ob wirklich von 0 auf neu gerechnet werden muss.
Demgegenüber stehen natürlich nun billige APOs aus Fernost-Produktion, korrekter Halb-APOs bzw. als ED-APOs vermarktet. Die Chinesen haben natürlich die Preise deutlich gedrückt, aber die Anforderung, dass ein APO eine bessere mechanische Qualität haben muss, blieb bestehen. Sonst würden die China-APOs womöglich bald zum Preis von China-(A)Chromaten über den Tisch gehen. Das würde sicherlich noch schmerzhafter für alteingesessene APO-Hersteller. Aber bei den günstigen APOs erreicht die Qualität von Mechanik und Fassung eben doch noch nicht das Niveau von Edel-APOs.
Fasst man das zusammen, dann kommt man etwas ins rotieren. Denn natürlich kann am APO sehr interessante Leistungsmerkmale finden. Allein schon, dass man mit einem APO sehr nahe an der theoretisch maximal möglichen Leistung der jeweiligen Öffnung ist, finden viele Sternfreunde interessant. Ein großes, sauber korrigiertes Feld, daher ein Teleskop, das Justagefehler (bezüglich der Lage der optischen Achse zum Okularauszug) nicht sichtbar werden lässt, gute Transmission, gute Verarbeitung - na ein perfektes Gerät.
Die China-EDs bringen da aber einiges durcheinander, die können einiges davon nämlich auch, kosten blos nichts mehr. Die Nachteile, dass etwas mehr Farbe im Bild ist, dass die Mechanik nicht ganz so gut ist, usw. nehmen viele Sternfreunde wohl gerne in Kauf.
Fotografisch wird's etwas schwieriger, da fehlen gut gerechnete Reducer/Flattener, die es (für entsprechende Preise) zum Edel-APO natürlich dazu gibt.
Vergleicht man nun die Gesamtmasse der APOs mit Newtons, wie man sie so sieht, dann kommt man natürlich ins Kopfschütteln!
Newtons haben ein zum gotterbarmen einfaches Optikprinzip. Eigentlich müsste man das nur in gleichbleibender Qualität fertigen, den Newton in einen vernünftigen Tubus (Durchmesser, Überlänge=Streulichtblende) setzen und vielleicht noch ein Blendensystem in den Tubus bauen, oder eben mit Microblenden aus Velours-Fasern arbeiten. Fertig ist - na fertig ist doch eigentlich das Erfolgsrezept der russischen Mak-Newtons! Bei denen findet man nämlich perfekt verblendete Tuben, passende Taukappen, wenig Obstruktion und ziemlich gleichbleibende Optikqualität, weil man beim MN eben sphärische Flächen immer schön gleichbleibend poliert.
Nachteile hat ein Newton dann bezüglich der Korrektur über's Feld, die eben schlecht ist, und die eine gute Justage fordert. Belüften sollte man ihn auch, aber im Prinzip muss man diese Überlegungen auch für einen 8" APO machen, der ja Beispielsweise als 3-Linser mit zwei Luftspalten eine hervorragende "Thermopenverglasung" hat.
In der Praxis ist das Newton-Prinzip immerhin so robust, dass es durch die ganzen Voll-Billig-Konstruktionen nicht kaputtzukriegen ist. Es kommt am Ende immer noch Bild raus, selbst bei Geräten für 150 Euro.
Natürlich sind die Versuche, den Newton kaputtzukriegen noch nicht an ihrem Ende angelangt, denn für 100 Euro ist ja ein 8" f/4 aus China in "giveaway quality" zu bekommen, freie Übersetzung "Wegwerf-Qualität", also mit Kugelspiegel der bei 8" f/4 einen rechnerischen Strehl nahe 0 aufweist (hat Thassilo freundlicherweise mal Oslo rechnen lassen).
Will man jedenfalls ein auf solche Weise ins Elend konstruiertes Optikprinzip, an dem man als Sternfreund stundenlang herumbasteln muss, um sich der eigentlich möglichen Leistung anzunähern, mit einem APO vergleichen, dann rechtfertigt sich der Preis des APO auf jeden Fall.
Stellt man aber einen sauber konstruierten Newton einem APO gegenüber, dann entstehen in vielen Fällen Grübelfalten beim APO-Besitzer. Besonders dann, wenn der Newton nach der Faustformel zum Kontrastdurchmesser (Öffnung in mm minus Obstruktion in mm, beide male Durchmesser, nicht Fläche) eine Chance gegen den APO hat.
Und genau solche Vergleiche sind auf Teleskoptreffen eher selten, weil ein wirklich voll zu Ende konstruierter Newton ungeheuer selten anzutreffen ist. Ein APO hingegen ist "aus Tradition heraus" viel besser durchkonstruiert und daher ohne Bastelei zu einer guten Leistung zu bringen.
Insofern ist es schwer zu vergleichen und vielleicht umso leichter, den Preis eines APOs zu rechtfertigen. Bei den billigen Fernost-APOs ist der Preis hingegen wieder so leicht zu rechtfertigen, dass man sich eher fragt, ob der Preis dieser APOs überhaupt noch die Herstellung von billigen Achromaten rechtfertigt, denn wenn ein 80mm Achromat mit einem "China-Edel-Tubus" wie der 80mm ED ausgerüstet würde, würde sich der Preisunterschied wohl der gefürchteten 0 annähern.
Clear Skies
Sven