Verzaubert von Sonne und Mond - SoFi am 25. Oktober, meine erste...

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Ehemaliges Mitglied

Hallo ihr!

Diese partielle Sonnenfinsternis war für mich etwas ganz Besonderes. Denn sie war die erste, die ich durch ein Teleskop (mein 60/700 mit Zenitspiegel) gesehen habe. Denn ich bin erst seit diesem Frühjahr im Besitz eines Sonnenfilters. Nein, auch mit SoFi-Brille war bisher nix bei mir.

Also packte ich zur rechten Zeit mein Teleskop samt Sonnenausrüstung, Hocker, Beobachtungstuch, etwas zu trinken und ein paar Keksen (das Mittagessen fiel aus) zusammen und ging in die heute nicht dunkle, aber ruhige Ecke hinterm Haus hinunter. Auch die Zeichensachen nahm ich mit.

Bei uns hier in der Ingolstädter Gegend lachte die Sonne von einem nur sehr leicht bewölkten Himmel. So konnte ich eigentlich die kompletten zwei Stunden uneingeschränkt das Geschehen beobachten. Und ich muss euch sagen, es hat mich ganz schön überwältigt. Das hätte ich nicht gedacht gehabt! Denn schließlich war es ja "nur" eine partielle Sonnenfinsteris. Und nicht die erste, die ich erlebte. So wie jeder Andere auch, wusste ich, was passieren würde. Und ich kannte aus dem Jahrbuch die Grafiken, die den genauen Ablauf skizzierten.

Als ich dann soweit war, um unter mein Beobachtungstuch zu schlüpfen und den ersten Blick zur Sonne zu werfen, wurde es mir ganz anders. Die Verfinsterung hatte bereits begonnen, und ich saß nun da - von Angesicht zu Angesicht mit dieser Sonne, der schon ein ganzes Stückchen fehlte. Ich kann euch sagen, es war einfach überwältigent! Nicht, weil es irgendwie anders gewesen wäre, als ich es mir vorgestelle hatte. Es sah genauso aus wie auf den Fotos, die ich kannte. Und doch war in diesem Moment alles anders. Es war der reine Wahnsinn! Weil ich es selbst sah, mit eigenen Augen, live. Das, was mir das Okular zeigte, passierte in diesem Augenblick da droben am Himmel. Der Mond, den ich nicht sehen konnte, war da. Und er stand genau zwischen uns und der Sonne. Da gab es nichts mehr, das ich irgend einem Foto glauben musste oder einer abstrakten Grafik, die sich kluge Leute ausgedacht haben. Das, was ich da sehen konnte, war wirklich, jetzt und hier! Nicht in meiner Vorstellungskraft, kein Bild, das mir mein Wissen in den Kopf pflanzte, nein. Da droben passierte grad etwas ganz Verrücktes. Und ich konnte es mit eigenen Augen sehen.

Mir wurde heiß und kalt gleichzeitig. Mein Herz ging auf. Es war wie damals, als ich Saturn und Jupiter zum ersten Mal durchs Teleskop gesehen hatte. Ein abstraktes Theorie-Wissen wurde zur Gewissheit, zum Erleben, zur Wirklichkeit, die man selbst gesehen hat. Und diese Wirklichkeit war so unvorstellbar, dass es einem die Sprache verschlagen konnte.

Es war so ein besonderer Moment, eine außergewöhnliche Situation: Ich allein unter meinem Beobachtungstuch, die Geräusche der Nachbarschaft im Ohr und gleichzeitig ganz weit weg von all dem Alltagstrubel, der mittags so ein Menschenleben eigentlich beherrscht. Ich konnte die Wärme der Sonne auf meinem Körper spüren. Und gleichzeitig dabei zusehen, wie sich der Mond immer weiter zwischen uns und die Sonne schob.

Wenn ich jetzt so drüber nachdenke, wird mir klar, dass das eigentlich Besondere an dieser Sonnenfinsternis der Mond war. So hatte ich ihn noch niemals wahrgenommen. Und eigentlich konnte ich ihn auch jetzt nicht sehen, nur seine schattenhafte Gestalt, die sich zwischen die Sonne und uns Erdlinge schob. Und mir still, aber deutlich sagte: "Ich bin da!" Ich bin da, auch wenn du mich nicht sehen kannst. Ich bin da, mitten am Tag. Ich bin da, auf eine Art und Weise, wie du mich noch nie gesehen hast. Schau nur genau hin! Schau hin und werde demütig beim Anblick dieses Wunders, das bereits vielen vergangenen Kulturen Demut und Respekt eingeflößt hat. Glaub nicht, dass du mit deinem heutigen Wissen um das, was hier gerade passiert, auf diese Demut und den Respekt vor den Kräften der Natur verzichten kannst! Seit diesen alten Zeiten hat sich vielleicht für euch viel verändert. Für mich nicht das Geringste. Und auch wenn irgendwann niemand von euch mehr da ist, um sich so etwas wie heute anzusehen, wird es dennoch immer und immer wieder geschehen. Still und unendlich mächtig.

Vielleicht klingt das jetzt etwas seltsam. Aber es war eine ganz besondere und ergreifende Situation.

Ich begann, das, was ich sah, zu zeichnen. Es waren ein paar nette Sonnenflecken da. Aber ich konnte meine Aufmerksamkeit nicht vom Mond lösen. Ich schaute mir seinen Rand vor der hellen Sonnenscheibe genau an. Und da konnte ich doch tatsächlich ganz winzige Unregelmäßigkeiten erkennen. Mondberge. Ich konnte Berge des Mondes sehen! Sicher, ich hatte schon öfter nachts den Mond beobachtet und auch dort an der Terminatorlinie das Mondrelief gesehen. Aber diese Berge, die über den Rand des Mondes hinausragten, ... und die so hoch waren, dass ich sie hier unten sehen konnte, ... Puh! Unglaublich!

Das faszinierte mich so sehr, dass ich versuchte, sie abzuzeichnen. Deshalb wechselte ich vom 15 mm Okular zum 10 mm. Dann tastete ich mich Stückchen für Stückchen von einer erkennbaren Erhebung zum angrenzenden Tal weiter, zur nächsten Erhebung, usw. Ich konnte spitze Gipfel erkennen und stumpfere, auch ein größeres flaches Hochplateau. Immer wieder verschwamm das Bild vor meinen Augen. Dann wartete ich darauf, dass es wieder klarer wurde und ich mich am Relief weiter vorantasten konnte und überprüfen, ob das, was ich gezeichnet hatte, auch wirlich da war oder nur ein Spuk, den mir meine Augen vorgegaukelt hatten.

Hier wäre das Ergebnis:

Sonnenfinsternis 22 Mondprofil.jpg


Zwischendurch dokumentierte ich auf einem anderen Blatt, wie die Sonnenfinsternis voranschritt. Es ist etwas Sabine-chaotisch, aber ein Zeugnis dieses denkwürdigen Ereignisses:

Sonnenfinsternis 2022.jpg


Es war ein ganz besonderes Erlebnis, das ich mir vorher nicht so ausgemalt hätte. Aber so ist das in der Astronomie. Man wird immer wieder verzaubert, wenn man sich nur darauf einlässt.

Herzliche Grüße
Sabine
 
Hallo Sabine,

das ist wieder mal ein gewohnt sehr schöner Beobachtungsbericht von Dir, vielen Dank dafür!
Besonders imponiert hat mir Deine Zeichnung des Mond-Reliefs. Da ich mir dieses in meinen Bildern auch näher angeschaut habe (hier mein Posting im Sonnen-Board), habe ich mir erlaubt, Dein Bild herunter zu laden, an meine Aufnahme anzupassen und die Profile übereinander zu stellen:

Vergleich-Mondprofile.jpg

Oben ist Deine Zeichnung, horizontal gespiegelt (wegen dem Zenit-Spiegel), passend gedreht und auf meine Aufnahme skaliert.
Unten ein Ausschnitt aus einer meiner Aufnahmen (11h50), im Vertikalen auf 150% gestreckt.

Die Übereinstimmungen sind mehr als deutlich, auch das markante Hochplateau links der Mitte ist schön zu sehen.
Es ist schon bemerkenswert, was Du mit 60mm Öffnung siehst und auf Papier bringst, alle Achtung!

Viele Grüße & CS,
Reinhard
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo zusammen!

Na, hier ist ja was los!
Vielen Dank für euere Likes und ganz besonders Dir, Reinhard, für Deinen Beitrag.

Das ist ja wirklich erstaunlich, wie gut die beiden Reliefs übereinstimmen. Toll, dass Du sie hier so untereinanderstellst, dass man sie vergleichen kann!

Ich musste für das Zeichnen schon genau hinsehen. Aber dann war das Relief durchaus zu erkennen. Zumindest in diesem Bereich. Weiter links und weiter rechts davon war aber alles eher flach. Zumindest ohne eindeutig herausstechende Gipfel oder erkennbare weitere Plateaus. Entweder gab es dort keine so hohen Berge oder ich konnte es aufgrund irgendwelcher optischer Gegebenheiten nur nicht erkennen.

Herzliche Grüße
und allseits guten Himmel!
Sabine
 
Klasse Bericht. Und ich kann dein Empfinden sehr sehr gut nachvollziehen. Schön zu wissen, dass man nicht so ganz alleine dasteht. Weiter so!
 
Hallo Sabine,

auch von mir herzlichen Dank für Deinen tollen Beobachtungsbericht. Deine (für mich leider viel zu seltenen) Beiträge lese ich immer mit großem Vergnügen :y:
Das Wetter für die SoFi wäre bei mir zwar optimal gewesen, aber leider haben mich berufliche Termine an der Beobachtung gehindert. Von daher hat mich Deine emotionale Schilderung der Eindrücke doch einigermaßen entschädigt :)

Viele Grüße,
Peter
 
Hallo an alle!

Nochmal vielen Dank für euere lieben Rückmeldungen und Likes. Schön, dass ihr meiner überschwänglichen Schilderung etwas abgewinnen konntet. Manchmal geht es mit mir durch... ;)

Ich wünsch euch allen viele klare Nächte, genug Zeit und Lust, um sie zu nutzen und immer wieder aufs Neue den Zauber der Astronomie zu erleben!

Liebe Grüße
Sabine
 
Hallo Sabine,
hier in Berlin schaute ich zum Himmel und war eher enttäuscht von der heftigen Bewölkung und dem ziehendem Dunstgeflecht! Bisher kannte ich die Sofies so wie du es beschreibst, durchs telekop und mit Schutzfolie. Der Wetterbericht ließ auch keine Besserung erwarten. Also habe ich nix aufgebaut, ein Tele an die EOS geflanscht, Folienfilter dazu. Aber man sollte die Möglichkeiten der Natur nicht unterschätzen. Denn nun bot sich ein Bild, das ich so bisher noch nie erlebt habe. Durch die Wolken/Dunst Dimmung der Sonne, war ein visuelles beobachten der verfinsterten Sonne mit bloßem Auge möglich! Das war etwas einmaliges und meine bisher eindruckvollste partielle Sofie. Etwas Schwarzes schob sich bedrohlich in das Sonnenbild, es kam von oben und wuchs immer mehr in die runde Scheibe der Sonne hinein! Immer bedrohlicher und größer wurde der dunkle Teil der Sonne. Nun konnte man sich gut vorstellen wie so ein Ereignis die Menschen in früherer Zeit beunruhigt hatte. Damals sollte es ein Drachen sein, der die Sonne verschlingen wollte. Zumindest konnte ich diese Ideen beim freiäugigem Beobachten gut nachvollziehen!
Die max. Bedeckung betrug knapp 33% und war somit recht groß und einprägsam. Nur im Teleskop und mit Folie ist es eher abstrakt, aber durch die Wolken hindurch war es bedrohlich live!
Der Drache ließ dann ab von der lieben Sonne! Ihm war wahrscheinlich zu heiß geworden und er gab sie pö a pö wieder frei. Danach strahlte sie von einem makellos blauen Himmel herab....in voller Pracht. Ich habe mich bei ihr bedankt und war froh über ihre wärmenden Strahlen. Ein toller Film lief da ab. Spielfilmlänge, Regie Mutter Natur!
VG Frank


IMG_4472.jpg
2022-10-25_13-05 MESZ_Berlin_Telemegor@12_EOS 500D_ISO 100_0,00025sek.jpg
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo Frank!

Deine Fotos gefallen mir gut und sie spiegeln diese bedrohliche, Respekt einflößende Stimmung, die Du beschreibst, sehr schön. Vielen Dank!

Ja, es ist schon erstaunlich, welche Beobachtungserfolge auch bei ungünstigen Bedingungen möglich sind. Gerade bei sehr hellen Objekten wie der Sonne oder Jupiter hab ich schon öfter das Gefühl gehabt, durch eine (nicht zu dichte) Wolkenschicht fast ein besseres Beobachtungserlebnis zu haben als bei klarem Himmel.

Es freut mich sehr, dass Du trotz des ungünstigen Wetters drangeblieben bist und so ein tolles Erlebnis hattest!

Herzliche Grüße
Sabine
 
Hallo Sonnenfreunde,
ja das sind ja wunderschöne Berichte, welche man auch im Forum Sonne bestimmt gerne gesehen und gelesen hätte:y::y:,
ja und Sabine, dein Bericht ist wie so viele wieder wunderschön geschrieben und deine Zeichnungen "Hervorragend"! Selbige erinnern mich nur zu Gut an meine "analoge Zeit"....
besten Dank an alle fürs Zeigen und Teilen....
K.Heinz
www.astrokunstvanheek.de
Anbei: Ich selber einer hatte Pech und konnte nix bzw. bis auf einen kurzen Augenblick (Sofibrille) von der Sonne sehen....
 
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