Hallo Ernst,
die objektive Aufarbeitung dessen, was damals geschehen ist steht sicherlich noch aus - vor allem deswegen, weil der geschichtliche Abstand noch fehlt. Die geschilderte "Meinung" oder besser Stimmung war sicherlich auch vorhanden, aber wohl mehr an den Stammtischen, in der Bild-Zeitung und in der Politik, als in der Wirtschaft. Große Industrieunternehmen entscheiden ohne auf Stimmungen oder Traditionen Rücksicht zu nehmen. Der Markt und die eigenen Fähigkeiten spielen hier die einzige Rolle. Trägt man dem nicht Rechnung begeht man Selbstmord. Der Weg der westdeutschen Optikhersteller ist gepflastert mit Negativbeispielen. Dass Zeiss dies sehr wohl macht zeigen aktuelle Beispiele: einmal die angekündigte völlige Abkehr vom optischen Astronomie-Sektor (betrifft nicht nur die bereits eingestellte Produktion von Amateurteleskopen) und als zweites Beispiel sei hier (positiv) die Fernoptik genannt. Auf diesem Sektor ist man noch rechtzeitig von einem gnädigen Schicksal erwischt worden, weil die Birdwatcher-Bewegung einen großen Markt eröffnete, der vorher garnicht vorhanden war. Gott sei Dank ist das passiert, sonst gäbe es vielleicht bald keine hochwertigen Ferngläser und Spektive mehr von Zeiss. Zeiss hat reagiert und fördert diesen Markt ganz massiv. Man darf davon ausgehen, dass Zeiss diese Sparte im Moment unter (fast) allen Umständen halten will, obwohl die Geschäfte bei Operationstechnik oder Halbleiterherstellung u.a. viel angenehmer, einfacher und lukrativer sind. Hier bringen Einzelaufträge Millionengewinne - dafür müßte man zehntausende Ferngläser und Spektive an den Mann bringen.
Zurück zur Wende:
Auch wenn längst nicht alle Fakten öffentlich bekannt sind, so gibt es doch einige seriöse Eckpunkte. Zeiss West war damals in der schlimmsten wirtschaftlichen Krise seiner Geschichte, denn der größte garantierte Einzelposten des Gesamtgeschäftes - der Militärtechnik/optik-Sektor - war tot. Einmal, weil andere Aufklärungstechnologien aktuell waren, aber zum anderen wegen der Konversion. Der östliche Block war in Auflösung, alle Welt glaubte, der Friede sei ausgebrochen und es gab schon seit Jahren keine neuen öffentlichen Aufträge mehr, mit denen man früher immer fest rechnen konnte. Die durch öffentliche Aufträge subventionierte Forschung bei Militäroptiken ersparte einem auf dem zivilen Sektor (Foto-Objektive, Ferngläser usw.) viel Geld.
Auf der "anderen Seite" das Kombinat Carl Zeiss Jena.
Man fühlte sich mit diesem Planwirtschaftsunternehmen vor allem bei der Carl Zeiss Stiftung traditionell verbunden und hatte sicherlich den Traum von einer irgendwie gearteten Fusion oder Übernahme.
Auf dem hier interessierenden Optiksektor hatte man sich mit Jena vordergründig wegen des Logos, aber eigentlich wohl wegen der aus Devisennot entstandenen Preispolitik jahrzehntelang beharkt. Das war aber jetzt Schnee von gestern.
Für die Übergabe der Verantwortung an das Konsortium von Hella, Bosch und Rodenstock und das Nicht-Engagement von Zeiss war aber wohl folgendes ausschlaggebend:
1. Zeiss Jena hatte keinen eigenen Markt mit der ökonomisch notwendigen Größe und Struktur, denn hier lief ja alles über öffentliche Aufträge und Genehmigungen. Die gab es nicht mehr und es waren auch keine in Aussicht.
2. Zeiss West hätte den eigenen Markt mehr als vervierfachen müssen, um die Jenaer Mitarbeiterlöhne, die ja schnell steigen würden, überhaupt bezahlen zu können. Die Mitarbeiterzahl überstieg bekanntermassen in allen Kombinaten und auch in anderen Bereichen wie Post und Bahn ein Mehrfaches dessen, was unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten machbar war und zu Westpreisen bezahlt werden mußte.
3. Zeiss West hatte garnicht, selbst für eine bescheidenere Expansion, die Mittel, die notwendig gewesen wären.
Es kommen vermutlich noch ein paar andere Gründe dazu, die letztlich für Carl Zeiss Jena zu dem bekannten Desaster führten. Vielleicht erfahren wir mehr, wenn Frank Schäfer sein neues Buch gelesen hat. Ich bin gespannt.
Begehrtheit der Produkte:
Die Qualität der optischen Geräte aus Jena wird niemand bestreiten. Nur haben diese inzwischen, natürlich auch weil sie nicht mehr gebaut werden, einen Kultstatus vergleichbar mit noch älteren Geräten von Beck, Hertel&Reuss, Schütz usw. Nicht zu vergessen sind es eben Raritäten und rein sachlich betrachtet auch technische und ökonomische Antiquitäten, ob einem das nun gefällt oder nicht. Diejenigen, die so etwas heute kaufen, sind in der Regel Liebhaber und Freaks, die eine nur kleine Marktnische bilden.
Ein Unternehmen könnte damit aktuell sicher nicht mehr sein Brot verdienen. Das beste Indiz ist die Fernoptik-Sparte von Docter in Eisleben. Ich behaupte, dass es die nur noch deshalb gibt, weil man sie durch die anderen Sparten (z.B. blankgepresste Asphären für Autoscheinwerfer) mitschleppt - wobei ich hoffe, dass dies noch lange funktioniert.
Viel Reklame macht man z.B. bei Ferngläsern nicht, die Präsenz im Handel und im Markt ist verschwindend gering und viele (ich glaube die meisten) sind oder basieren auf Zeiss Jena Gläsern.
Eine Ausnahme stellen die Zielfernrohre dar, mit denen man relativ gute Geschäfte macht. Aber natürlich ist dies ein sehr begrenzter Markt, der sich nicht beliebig ausdehnen läßt.
Gruß
Walter