Hi Salamango,
das Problem ist bei vielen Büchern (und vielleicht auch bei meinen eigenen Texten), daß man die Bewertung solcher Fakten nicht richtig rüberbringt. Man muß das sehr differenziert sehen. Die Obstruktionsphobie ist ein Beispiel dafür (aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andernmal erzählt werden).
---Das Newton-Teleskop muss sich vor der Beobachtung lange an die Außentemparatur anpassen, es ist SEHR ANFÄLLIG GEGENÜBER LUFTTURBULENZEN...
Was ist "lange"? Beim 150mm Newton mit offenem Tubus und der modernen Bauart ohne Rückwand, also freier Spiegelrückseite ist ein 150mm Spiegel nach gut 30 Minuten prima einsetzbar und nach einer Stunde ist der selbst beim Sturz von +20°C auf -5°C ausgekühlt. Für Deepsky spielt das kaum eine Rolle, da ist das Gerät sofort einsatzbereit, und man kann auch schon nach 10 Minuten die ersten Planetenblicke wagen.
Das ist kein Problem der Stadt! Das ist ein allgemeines Problem. Es ist auch nicht Newton-Spezifisch, auch Teleskope mit geschlossenem Tubus haben diese Probleme, Linsenteleskope eingeschlossen. Nur sieht man hier anhand der genannten Zeiten, daß beim meist deutlich kleineren Linsenteleskop die Auskühlung während des Aufbaus schon weit fortschreitet.
---Zu viel Öffnung schadet...
In der Stadt bevorzugt man besser ein kompaktes Gerät mit MAX. 150MM. ÖFFNUNG. Ein größerer Objektivdurchmesser wird nur den hellen Himmel verstärken, was für den Kontrast von Nachteil ist.
Nun, 150mm sehe ich für den Planetenfreund in der Stadt als guten Wert, weniger wäre aber auch schädlich. Nur ist Stadt nicht gleich Stadt - im Stadtpark ist das Seeing gleich ganz anders, als auf dem Balkon oder im Hinterhof, wo beheizte Mauern lauern.
Die Helligkeit des Himmels hier anzuführen ist schlicht falsch, denn da man mit größerer Öffnung auch mehr vergrößerung einsetzt, erhält man die gleiche Flächenhelligkeit des Himmels im Okular. Da tut sich nichts... Bei der Planetenbeobachtung ist dieser Effekt nun völlig unerheblich, weil Planeten so hell sind, daß selbst stark aufgehellter Himmelshintergrund schwarz wirkt - es sei denn Staub und Wasserdampf streuen das Licht des Planeten ("Hof am Mond").
In meinem Artikel
Stadtastronomie habe ich weiterhin veranschaulicht, wie man diversen Deepsky-Objekten mit Filtern zu Leibe rücken kann. Meine Erfahrung ist, daß sich selbst ein 12-Zöller auf dem Balkon lohnt - wenn man nicht aus Platzmangel vom Balkon fällt...
---Je nach der Größe Ihres Budgets oder der Leidenschaft, die Sie diesem Hobby entgegenbringen, ist ein Refraktor - sei es nun ein normaler Achromat oder ein teuer Apochromat - mit 70-100mm Objektivdurchmesser für die Beobachtung in der Stadt eine gute Wahl.
Diese Aussage ist jedenfalls undifferenziert und mindestens diskussionswürdig. Meine Einstellung dazu ist, daß ein Achromat mit entsprechend langer Brennweite (zum Beispiel 90/1000) ein sehr schönes Gerät ist. Nur ich kann den Achromaten wegen des dennoch sichtbaren Farbfehlers nicht als Planetenspezialisten bezeichnen, und mangels Öffnung auch nicht als Deepsky-Spezialisten. Hinzu kommt die unhandliche Baulänge kombiniert mit niedrigem Einblick.
Ganz ausser Frage stehen für mich die kurzbrennweitigen Achromaten, f/5 oder f/6. "Chromaten" möchte ich sagen. Diese Geräte sind ausgesprochene spezialisten für kleine Vergrößerungen, also Deepsky mit Widefield. In der Praxis haben diese Geräte dann auch Probleme mit der Optikkorrektur, so daß zum extrem deutlichen Farbfehler dann noch diverse Bildfehler kommen, die zum Beispiel beim 100/500 in vielen Fällen die maximal nutzbare Vergrößerung auf nur 100x zurücksetzen. Die Qualitätsstreuung ist hoch.
Hier ist ein 114/900 Newton für mich einfach das praktischere Gerät. Es ist preisgünstiger und mit seinem seitlichen Einblick ist es auf einem entsprechend niedrigen Stativ gut im Sitzen verwendbar. Der Newton hat keinen Farbfehler und bei sauberer Justage und guter Optik ist das Gerät dem Refraktor überlegen. Zumindest dann, wenn man den heute leider üblichen Billig-Geräten mit einer verbesserten Innenschwärzung (Velourfolie) auf die Sprünge geholfen hat.
Der Apochromat als Edeloptik ist natürlich von den genannten Problemen nicht betroffen. Man erhält ein Gerät, welches Obstruktionsfrei mit gut korrigierter Optik hervorragend zur Planetenbeobachtung geeignet ist. Dem müssen aber entsprechend hochwertige Okulre zur Seite stehen. Der Preis ist exorbitant hoch, so daß genügend Öffnung für Deepsky einfach unattraktiv teuer ist.
Tja, soweit jedenfalls meine Einstellung dazu. Ich halte den Dobson auf jeden Fall für den richtigen Rat. Für den Planetenbeobachter, der aus der Stadt viel erreichen will, ist der 150mm Dobs sicher die bessere Wahl, denn der 200mm Dobs braucht schon einen Lüfter und wird durch das "Balkonseeing" wohl ohnehin auf das Niveau einer 150mm Optik zurückgeworfen.
Clear Skies
Sven