Hab jetzt nur mit einem Auge in den Thread hereingeschaut und bin doch haengengeblieben...
Ich setze hier mal einen Kontrapunkt, Niki.
Was das generelle Problem von IT Technologien ist. Sowohl die Träger, als auch die Software sind nach 20 Jahren meist nicht mehr benutzbar. Normale DVDs hab ich einfach als mp4 aktualisiert, aber früher wurden Daten-DVDs mit Inhaltverzeichnis & Co mit Flash oder "Director" erstellt und wenn sie nicht in HTML der neuesten Fassung vorliegen, gibt es Probleme.
Naja, das ist nicht nur ein Problem von Daten auf digitalen Datentraegern.
Chemische Fotos haben eine Lebensdauer von rund 150 Jahren, Mikrofilm von bis zu 500 Jahren (aber eine lausige Informationsdichte), "normales" Papier nur 50-70 Jahre, saeurefreies Archivpapier 3x so lange, ist aber 2-3x so teuer, die wenigsten Buecher erzielen genug Marge, um es zu verwenden...
Kann in der digitalen Welt der Inhalt eines Werkes mit sehr grossem Tempo von einem Datentraeger auf den anderen (neuen und besseren?) in 10s umkopiert werden, ist das in der analogen Welt sehr teuer und langwierig. Von vielen Dokumenten / Buechern zerfaellt irgendwann die letzte Kopie und eine Digitalisierung ist die letzte Rettung vor dem Totalverlust, denn eine neue Druckauflage gab es da i.d.R. auch schon in der "guten alten Zeit" nicht mehr.
Auch die Nationalbibliotheken beschäftigen ganze Abteilungen, um alte, digitale Datenarchive (!!) auf neue Medien umzuspeichern... und sie irgendwie lesbar zu halten. Ende nie.
Frag' doch einfach mal die Leute in den Nationalarchieven, was die dazu sagen, wenn alte Buecher Seite fuer Seite umkopiert werden muessen, bevor die Saure die zerfrist. Irgendwo habe Ich mal gelesen, dass in der analogen Welt weniger als 0.01% der geschriebenen kulturell relevanten Information langfristig ueberdauern koennen (Informationsdichte, Lebensdauer, Kostend er Konservierung). Diese Art von Problemen ist im digitalen Zeitalter zwar anders, wirklich neu ist das aber nicht und vor allen Dingen auch nicht muehseliger als frueher ... im Gegenteil.
In der Sternwarte bei den "Visuellen" und bei den Vorträgen ist der Sockel des Interesses immer noch die schiere Faszination unserer Existenz und die Unendlichkeit des Alls.
Naja, genau das ist witzigerweise das, was mich immer von solchen Veranstaltungen meilenweit ferngehalten hat. Sind die Modelleisenbahner, Modellflugbauer und Briefmarkensammler sich selbst gegenueber wenigstens ehrlich was sie da so treiben (Eskapismus), so meinen so manche Amateurastronomen (=Sternengucker) tatsaechlich zuweilen ernsthaft, dass sie da in die Fusstapfen von Carl Friedrich Gauss treten.
Mal ueberspitzt gesagt, mag die eine Drittel des Saals von der "Faszination unserer Existenz und die Unendlichkeit des Alls" getragen sein, mag ein Drittel lediglich ein technikaffines Hobby pflegen, handelt es sich beim letzten Drittel mitunter eher um die Selbsthilfegruppe der soziologisch gestoerten Eskapisten mit ueberhoehtem Selbstanspruch. Deren Fluchtversuch vor normalem sozialen Leben findet mit Hilfe des Telekops statt, und deren Treffen unter Gleichgesinnten koennte man zynisch als den Sieg des Optimismus ueber die Erfahrung bezeichnen.

Ist vollkommen ok, muss man aber nicht zu sehr romantisieren.
So ergibt sich dieser Bogen von der Einsteigerberatung bis zum Vermessen von 4 Pixeln am Rand einer Aufnahme samt seitenlanger Diskussion, ob das jetzt so "gültig" sein darf oder nicht. Was oft völlig am Thema "Astronomie" im allgemeinen vorübergeht, jedoch eben nicht am Thema "Technische Haarspalterei". Weil da kann jeder mitmachen, auch jene, denen Poesie, Philosophie und die Fähigkeit, sich zu wundern weniger gegeben ist, als ein Teleskop und eine Kamera zu kaufen und Teil der Gemeinschaft zu sein.
Da muss Ich mal ganz ehrlich fragen, was soll denn diese voellig ueberhebliche Polarisierung in Poeten/Philosophen einerseits und "technische Kleingeister" andererseits?
(Amateur-)Astro
fotografie haengt sich gerne den Nimbus der Wissenschaftlichkeit um. Das ist natuerlich eine eitle Selbsttaeuschung. Amateur-Astrofotografie ist eher eine Abart der Fotografie und das wiederum ist auf meinem Radar so ganz grob umrissen zu 20% Fotokunst, 40% Handwerk und 40% Motiv und Gelegenheit.
Nur ist bei der Amateurastrofotografie die Motivauswahl eben fest vorgegeben und unveraenderlich (da schoepft ein Streetphotographer, oder Reisefotograf, oder Tierfotograf [...] aber aus endlos tieferen Poetten...), die Gelegenheit vom Wetter und vom Standort vorbestimmt und so verschiebt sich die Sache eben auf das Handwerkliche und dessen Perfektionismus.
Das zieht dann wiederum eben auch tendenziell mehr technikaffine Leute an, die ihre Leidenschaft fuer's Ingenieurische da ausleben als kuenstlerisch Begabte, die vermutlich lieber vor der Staffelei sitzen.
Daran ist aber nichts falsch und das muss man nicht abwerten. Und vor allen Dingen steht das soziologisch gesehen auch nicht hoeher und nicht tiefer als jemand der hinter einem Fernrohr sitzt, zum x-ten Mal einen Sternencluster bewundert und meint sich dabei einzigartige philosophische Gedanken durch den Kopf gehen zu lassen, aber dabei dann in der Realitaet zu 99% genauso banales Zeug produziert wie das Geknipse der Astrofotografen.
Vielleicht waere es fuer alle Beteiligten einfacher, wenn dieses Hobby in all seinen Aspekten nicht so hoffnungslos ueberhoeht wuerde.
Nein, das Problem ist, wenn EINER anfängt, bessere Bilder zu machen, hängt er entweder in kurzer Zeit alle ab, oder die anderen 5.000 müssen das mitmachen und nachlernen, oder sie bleiben stehen und sitzen bald mit ihren Ergebnissen allein in der guten Stube. Deswegen herrscht dann allerorts Panik, ob man diese oder jenes Pixel wohl richtig belichtet hat, ob man mit Bathinov oder FWHM fokussiert, ob man temperaturkompensiert, vorkühlt, ventiliert, absaugt, einbläst, filtert....
Wie schon oben geschrieben, in der "Fotokunst" Astrofotografie ist die Motivauswahl sehr beschraenkt und unveraenderlich. Wie viele Motive gibt es realistisch gesehen, 500, 1500? Wie viele Astrofotografen gibt es weltweit, 25000, 35000? Die einzigen beiden Evolutionspfade in denen sich das entwickeln kann, sind da einerseits mehr handwerklicher Perfektionismus und andererseits "mehr kuenstlerische Freiheiten".
Gerade Letzteres reibt sich aber mit dem vermeintlichen wissenschaftlichen Ansatz der Sache und ist tendenziell verpoent, wodurch alles noch mehr auf technischen Perfektionismus verengt wird.
Nur sollte man mal festhalten, dass ist aber eher ein typisch deutscher Tick, z.B. bei den Amis ist Amateurastronomie einfach ein cooles Hobby und das war's. Die einen gehen Surfen, die anderen fliegen Drone, die naechsten fahren Motorrad, andere machen Amateurastronomie. Entsprechend weniger verkrampft gehts zu und dann sind "pretty pictures" eben einfach auch nur mal "pretty pictures" und Sterngucken ist Sternegucken und hat eben keinen philosophischen Anspruch.
Hier in D haelt man dagegen eine normative Authentizitaet hoch, die letztendlich nichts anderes ist als typisch deutscher Strukturkonservativismus, welcher letztendlich dem Normativen des Faktischen dann wieder ewig hinterherrennt.
Man erinnere sich doch mal unvoreingenommen, wie das damals noch gleich war: "Oh, was ist das denn wieder fuer ein neuer Quatsch, ein Dobson-Telekop(?!). Oh mein Gott, Haerasie gegen die wahre Lehre, ja darf man das eigentlich?" usw...
Und genau das scheint auch bei der Debatte ueber die alten gedruckten Buecher durch. Ich selber liebe Buecher, Ich liebe es in einer Bibliothek zu sitzen, Ich liebe den Geruch alter Folianten, Ich liebe das Knistern beim Umblaettern, aber genauso sehe Ich, wie sich der Zugriff zu Information durch digitale Techniken tatsaechlich revolutioniert hat.
Der halbe Klerus hat damals auch gejammert, als die schoenen handgeschriebenen Folianten durch den Gutenbergs Buchdruck hinweg gefegt wurden. Trotzdem war im kritischen Rueckblick der seinerzeit erhoehte Zugang durch diese Innovation zu Wissen die Grundvoraussetzung fuer die Renaissance und letztendlich auch die Aufklaerung, die die Moderne in der wir heute leben vorbereitet hat. Besserer Zugang zu Wissen und Information kann zivilisatorisch gesehen meiner Meinung nach nie schlecht sein.
MfG