Infos zur Zeiss I Montierung 50er Jahre ?

Deshalb sollten wir froh sein, über die heutige, chinesische Massenproduktion. Mit etwas Tuning sind diese Produkte durchaus brauchbar -- und bezahlbar!!!
Prinzipiell stimmt das, Frank.

Aber angesichts der aktuelle Entwicklung eines ins Unermessliche gehenden Angebots von minderwertigen Produkten besteht duchaus die Möglichkeit, auf bereits produzierte, gebrauchte Instrument zurückzugreifen. Zum Beispiel die ganz alten, um die es hier geht. Die sind heute durchaus bezahlbar, wenn man ein wenig sucht.

Und manch' alter Japaner wird einem sogar regelrecht hinterhergeworfen - bei besserer Qualität, als ein Großteil des China-Schrotts. Und, zuletzt: wenn man genau die ein wenig tuned, dann hat man in aller Regel ein feines Gerät. Frag' mal Hannes Hase-Bergen.

Grüße!
Urs
 
Hallo Urs,
Du brauchst wahrscheinlich an dieser Stelle im Forum niemanden davon zu überzeugen, daß man die alten Geräte noch benutzen kann und mit diesen Spaß haben kann. Mein Hinweis auf die Bezahlbarkeit bezog sich auch auf die damalige Zeit in der DDR. Ende der 60-ziger Jahre hatte ich mir z.B. das kleinste Zeiss Fernrohr 63/840 gewünscht. Das kostete damals mehr als zwei Monatsverdienste. Das ging nicht, es wurde dann ein 50/540 Bastelsatz, später ein Wilke-Spiegel und selbst Geschliffenes. Die Zeiss-Geräte gingen wahrscheinlich überwiegend an Schulen. In meiner alten Schule stand z.B. eine Zeiss-Säule, wurde nie benutzt. Andere Sternfreunde hatten damals das Gleiche von ihren Schulen erzählt. Wir hatten zwar einen sehr guten Unterricht in naturwissenschaftlichen Fächern, die Lehrer bemühten sich auch, den Stoff relativ ideologiefrei rüberzubringen, aber abends nochmal zur Sternguckerei in die Schule zu toben, das war dann wohl doch zu viel (klar gab es auch Lehrer, die das gemacht hatten, an manchen Schulen gab es auch Schulsternwarten, das war aber nicht die Regel). Ich selbst kenne auch nur ganz wenige Sternfreunde, die in der damaligen DDR privat ein vollständiges Zeiss Teleskop hatten, es gab viel Gebasteltes. Nach der Wende wurde der obligatorische Astronomieunterricht abgeschafft, wahrscheinlich haben viele Lehrer die ungeliebten Instrumente schnell verschrottet. Kurz nach der Wende wurden Zeiss-Geräte auch billig angeboten, unsere Sternfreunde wollten halt bunte Sachen aus dem Westen. Deshalb - und auf Grund der niedrigen Produktionszahlen - ist das Zeiss-Zeug jetzt selten und überteuert. Wahrscheinlich wollen sich viele ältere Sternfreunde jetzt noch einen Jugendtraum erfüllen, und bezahlen jeden Preis. Wenn wir Alten mal kein CO2 mehr erzeugen, dann werden die Preise sich sicher auf eine vernünftige Größe einpendeln. Von den alten japanischen Fernrohren scheinen mehr im Privatbesitz gewesen zu sein, und haben die Zeit überdauert.
Aus China kommt zwar jetzt auch noch viel Unbrauchbares, aber schon in der mittleren Preisklasse gibt es schon hervorragende Qualität, diese Geräte sind bei den heutigen Verdiensten bezahlbar, im Unterschied zu den Zeiss-Geräten in der damaligen DDR.

C.S. Frank
 
Kleine Randnotiz : von Frau Schwabe aus dem Zeiss-Archiv erhielt ich die Auskunft, dass die Zeiss I Montierung mit der Seriennummer 16406 aus einer Serie von Montierungen stammt, die leider in den Herstellerlisten undatiert ist ( was wir hier eigentlich auch schon recherchiert hatten ). Im Zeiss Archiv geht man davon aus, dass diese Serie vermutlich 1952 hergestellt wurde.

Besonders nett fand ich, dass Frau Schwabe mir 3 Seiten hochaufgelöste Scans aus einem Zeiss Astro-Katalog 1955 zukommen ließ - ganz toller Service ! Danke an das Zeiss-Archiv !!
Bitte habt Verständnis, dass ich hier aus urheberrechtlichen Gründen davon nichts öffentlich zeige - aber jeder hat die Möglichkeit selber nett beim Zeiss-Archiv anzufragen und wenn man nichts unmögliches verlangt, ist man dort stets bemüht zu helfen.

Früher hatte ich bei derartigen Anfragen hin und wieder mal Kontakt mit dem ebenfalls sehr netten Herrn Dr. Wimmer, weiß aber gar nicht, ob er noch aktiv ist.

Auf jeden Fall habe ich das Zeiss Archiv bei solchen Anfragen immer als äußerst nett und hilfsbereit erfahren - das darf an dieser Stelle vielleicht ruhig einmal erwähnt werden !

MfG Michael
 
Hallo Frank, wohl wahr, was Du schreibst : es sind eben zwei unterschiedliche Paar Schuhe - das eine ist die Liebhaberei, das andere die ( alltägliche ) Praxis bzw. Gebrauchswert.

Und ganz ehrlich, so sehr ich auch ein Fan dieser Klassiker bin - auf meinem Avatar-Bild siehst Du einen azimutal betriebenen Unitron 102/1500......wenn ich mit dem Mondbeobachtungen gemacht habe und bei V 100x am Fokussierknopf drehte, konnte ich mir erst mal in Ruhe einen Tee kochen, bis das Bild weder ruhig stand !;)

Und später, im Vergleich mit einem China ED 100/900, hatte der Unitron nicht den Hauch einer Chance, was die Abbildungsqualität/Transmission anging. Es fängt ja schon an mit den unheimlichen Fortschritten bei den Vergütungen, mal ganz abgesehen von der entspannteren Handhabung.

Und : trotzdem ist wieder ein gaaaanz langer Refraktor im Zulauf, den ich schon mal hatte und jetzt Dank eines lieben Sternfreundes zurückkaufen kann. Ist das logisch, rational ? Nein ! Es ist schlicht bekloppte Liebhaberei.

LG Michael
 
Nachtrag : was mir ( und wahrscheinlich auch Dir, FrankZ ) eher auf den Sa**k geht, ist die teilweise völlig unreflektierte, verherrlichende Darstellung gewisser klassischer Teleskope ! Wenn ich z.B. immer wieder mal lese, dass über die langen Unitrons o.ä. f/15 Achromaten von geradezu "APO-gleichen" Abbildungsqualitäten berichtet wird, dann ist das schlicht und einfach falscher Mumpitz !
Lichtenknecker hat damals den RC-Wert populär gemacht und jeder kann sich selber für eine AP von 1 bei seinem Gerät eine solche Rechnung anstellen - und dann wird eben schnell und nüchtern klar, dass diese Geräte gute, ja z.T. sehr gute Achromaten sind, aber auch nicht mehr ! An einen APO können sie nicht heranschnuppern, auch wenn manch ein Besitzer das wohl gerne glauben mag.

Man darf diese Oldies liebhaben, aber man sollte sie nicht überheben.
 
Hallo Michael,
genau so ist es, die alten Geräte sind technisch überholt. Damit zu beobachten, ist irgendwie wie mit nem 59-er Coupe DeVille zu ner r'n'r Party zu fahren, es macht riesigen Spaß, für tägliche Autofahrten gibt es wesentlich Besseres. Daß die neuen Geräte besser sind ist ja auch klar, heute gibt es bessere Gläser, bessere Software zur Optikoptimierung und bessere Maschinen. Die Chinesen sind meiner Meinung nach auch deutlich besser geworden und können es jetzt auch.
Übrigens standen in den 80-ziger Jahren nach meiner Beobachtung bei Zeiss-Jena viele alte Maschinen in den mechanischen Werkstätten. Besonders unter den älteren Zeissianern gab es viele Fachleute, die über großes Können verfügten und aus den alten Maschinen eine erstaunliche Präzision herausholten. Jedenfalls blicke ich hochachtungsvoll auf diese Leistungen unserer Vorfahren, mir ist klar, daß wir unseren heutigen Wohlstand diesen, unseren Vorfahren zu verdanken haben.

C.S. Frank
 
Besonders unter den älteren Zeissianern gab es viele Fachleute, die über großes Können verfügten
Hallo Frank,

man liest immer wieder, dass die Astro-Objektive handoptimiert wurden. Daher soll man auch die Linsen nicht verdrehen usw.
Die Qualität war nur möglich, weil die Arbeitsstunde kein unbezahlbarer Luxus war.
Und die Zeissianer waren ausgesprochen stolz auf ihre Firma und ihre Arbeit. Die Qualität ließ zum Schluss aus verschiedenen Gründen schon etwas nach. (Ich hatte berufsbedingt in den 1980ern häufig mit Zeiss Astro zu tun.)
Ich habe eine sehr frühe und eine späte Montierung Ib. Rate mal, welche von den beiden viel sauberer gefertigt ist? Klar, die ältere...

CS, Niko
 
Hallo Niko,
handretuschiert waren die AS-Objektive. Da musste eine Fläche asphärisch verformt werden, um den Öffnungsfehler zu korrigieren (aufgrund der Glaspaare waren die Radien sehr angespannt, da war eine Korrektur anders nicht möglich). Das mit dem Verdrehen stammt aus dem 19.Jh. als man Glas noch nicht ausreichend homogen herstellen konnte. Jetzt sind die Gläser homogen, die Linsen sind rotationssymmetrisch (wenn sie ordentlich hergestellt worden sind), das mit dem Verdrehen hält sich aber hartnäckig. Auch bei Zeiss wurden die Linsen entsprechend markiert. Ich hatte einen Mitarbeiter mal gefragt, warum das gemacht wird, die Antwort war: haben wir schon immer so gemacht.
Ich hatte damals in den 80-zigern meine 3 Absolventenpflichtjahre im Forschungszentrum von Zeiss abgerissen. Bei Zeiss gab es noch Mitarbeiter, die Interesse an ihrer Arbeit hatten. Es gab aber auch viele Mitarbeiter, die innerlich gekündigt hatten. Biermannzeiss war ein knallroter Laden, Leistung zählte nicht. Man musste ein Parteibuch haben, um was zu werden. Obwohl die Arbeit meinen Interessen entsprach, habe ich nach meiner Pflichtzeit das Weite gesucht. Da ich mit den Kommunisten nicht mitmachen wollte, wäre ich da immer Schütze-[zensiert] im letzten Glied mit Minigehalt geblieben. Ich wollte aber meiner Familie was Besseres bieten. In der zweiten Hälfte der 80-ziger Jahre hatte die Partei und die Stasi dann endlich begriffen, daß man auch Leute braucht, die nur Interesse an guter Arbeit hatten, und kein Parteibuch wollten. So eine Stelle hatte ich mir gesucht, ich konnte dann sogar postgradual nochmal was Technisches studieren. Die Bemühungen der Stasi waren aber zu spät, die Betriebe in der ehemaligen DDR waren alle mausetot, 89 ging nix mehr, da ist dann alles zusammengebrochen.

C.S. Frank
 
Hallo Frank,

so wie ich das persönlich in den späten 1980ern erlebt habe..: In der Astro-Fertigung hat man es mit der Qualität nicht mehr so genau genommen; man wurde sein Zeugs ja sowieso los. Man schlenzte sich durch. Die Kundendienstleute vor Ort waren (überwiegend?) Könner, von denen ich viel gelernt habe. Pappnasen gibt es überall und immer. Wie wichtig die rote Tünche war, hing auch vom direkten Chef ab, aber darüber haben wir nie gesprochen...
Geld verdient hat Zeiss meiner Meinung nach vor allem mit der Rüstung, bestimmt nicht mit Astro, das war für's Image... :whistle:

CS, Niko
 
Hallo Niko,
gerade mit Astrogeräten wurde Geld verdient. In der DDR gab es kein Geld. Es gab Aluchips, die man gegen Waren, die es ohnehin meist nicht gab, tauschen konnte. Deshalb konnte man mit Produkten, die in das RGW-Gebiet gingen, auch kein Geld verdienen. Geld wurde beschafft, indem alles was ging in das NSW (Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet) exportiert wurde. Vieles wurde da wahrscheinlich zu Dumpingpreisen verschlitzt. Könnte sein, daß für die Astrogeräte sogar ein relativ anständiger Erlös erzielt wurde, deshalb war die Astroabteilung schon ein wichtiger Geldbringer.
Biermannzeiss war auch kein Unternehmen, es war ein Staatskombinat. In den DDR-Betrieben gab es zwar den Versuch einer Wirtschaftsrechnung, das war aber nix Reales, nur Lug und Betrug.
Darüber, was man in einem Betrieb wurde, hatten die unmittelbaren Chefs wenig mitzukrähen. In den Betrieben gab es eine Kaderleitung, da haben dann besonders gute Genossen (wahrscheinlich in Abstimmung mit der Stasi) über Karrieren entschieden.
Es ist gut, daß es Zeiss-Oberkochen gab. So hat Zeiss als gutes Hochtechnologieunternehmen überlebt, der alte Zeiss blickt bestimmt vom Himmel mit Stolz auf Zeiss-Oberkochen herab, mit Biermannzeiss wäre er sicher nicht einverstanden gewesen.
C.S. Frank
 
Zurück
Oben