Hallo Philipp,
überall steht ja im Internet, dass "Profis" mehr sehen als Anfänger. Wie kann man denn die "Beobachtungsgabe" verbessern?
indem man ein und das selbe Objekt immer wieder beobachtet. Nicht "aufbauen, durchgucken, nach 20 Sekunden das nächste Objekt anfahren".
Astronomie ist:
a) eine Wissenschaft
b) erfordert Geduld und Lernwilligkeit
Wenn Du noch nie Gitarrenunterricht hattest, kannst auch nicht erwarten, daß Du ein paar Tage nach dem Kauf einer Gitarre konzertreif spielen kannst. Da mußt Du auch erstmal Noten lesen lernen, dann jahrelang die Griffe üben und dann hast es drauf, sofern Du musikalisch begabt bist.
So ist es auch mit dem Beobachten am Teleskop. Alles außer der Sonne und dem Mond ist so dunkel, daß Dein Auge und das Gehirn das "Sehen" neu lernen/trainieren muß.
Das bedeutet ganz konkret, daß Du zuerst das Handwerk lernen mußt (Aufbau, einnorden, Objekt aufsuchen) und dann dieses Objekt mal 20 Minuten am Stück anschaust. Mit unterschiedlichen Vergrößerungen. Direkt und indirekt. Und dann machst Dir am besten mal ne Skizze, was Du wirklich gesehen hast.
Zeichne nen Kreis (für das Okulargesichtsfeld) und mal jeden Stern, jedes Detail von nem Nebel möglichst genau (bezogen auf Position, Größe und Helligkeit) da rein. Und beschreibst mit eigenen Worten, was Du bei direktem und beim indirektem Sehen gesehen hast.
Dadurch schulst Du Deine Wahrnehmungsfähigkeit ungemein.
Und dann guckst hinterher bei Stellarium oder einem anderen Programm nochmal die Gegend an, die Du beobachtet hast...
Und dann ließ mal ein bischen was zu dem Objekt, was Du beobachtet hast. Wie es entstanden ist, wie weit weg es ist, wie es sich in Zukunft entwickeln könnte...
Leg Dir dazu am besten ein Beobachtungsbuch aus Papier an. Weiche Bleistifte zum Malen und ne Rotlichttaschenlampe für die Stirn, damit Du die Hände frei hast.
Oder wie lange braucht man um mehr erkennen zu können?
das ist bei jedem Menschen unterschiedlich. Wer nur 2 oder 3 mal im Jahr durch ein Teleskop guckt, wird nie und nimmer die selbe Beobachtungen machen können wie ein Profi. Weil das Gehirn in der Zwischenzeit alles wieder vergessen hat. Da muß mann kontinuierlich dabei bleiben, so wie es das Wetter halt erlaubt...
Nach 10 oder 15 mal "Andromedagalaxie angucken" wirst irgendwann einen Abend erwischen, wo alles paßt. Seeing sehr ruhig, Transparenz sehr gut und dann erkennst auf einmal deutlich mehr. Nicht nur den helleren inneren Bereich, sondern Strukturen. Staubbänder. Hellere Knoten...
Das gilt natürlich nicht nur für die Andromedagalaxie, sondern für alle Objekte...
Was genau macht ein Profi anders als ein anfänger?
- der läßt vor einer Beobachtung mindestens 4 Stunden lang Alkohol und Zigaretten weg - die rauben nämlich kostbaren Sauerstoff im Blut und sorgen dafür, daß man prinzipiell weniger sieht
- der vermeidet jedes unnötige Licht (Straßenlaternen, Weiße Taschenlampe, Bildschirm von Handy, Laptop...)
- der fährt ins dunkle Umland
- der prüft jedesmal sein Teleskop und kollimiert gegebenenfalls vor der Beobachtung am Stern, bis die Abbildung optimal ist
- der nutzt in Lichtverschmutzten Regionen lange Taukappen zur Streulichtreduzierung und ein schwarzes Tuch über dem Kopf/Okularauszug
- der sucht sich zu seinem Himmel (Lichtverschmutzung/Mondphase) und Instrument (Öffnung/Brennweite) passende Objekte aus (das kann er aber nur, wenn er theoretische Kenntnisse hat) und beobachtet die dann mit viel Geduld
- der macht sich vor dem Beobachten Gedanken, was er beobachten möchte und druckt gegebenenfalls Aufsuchkarten für Objekte, deren Position er nicht auswendig weiß (Plan A)
- wenn er feststellt, daß die Bedingungen schlecht sind (Seeing, Wind, Luftfeuchtigkeit), dann packt er entweder ein oder geht auf leichter zu beobachtende Objekte bei geringer Vergrößerung (Plan B)
- der beobachtet die Objekte dann, wenn sie kulminieren (am höchsten stehen) und kein Mondlicht stört
- der hat neben seiner Erfahrung auch optimierte Teleskope und nen Koffer voller Aufsuchkarten, diverse Filter, zu seinem Teleskop passende Okulare und viel Hintergrundwissen.
Dieses Hintergrundwissen ist ausschlaggebend für das "Kopfkino". Erst wenn Du weißt, was Du da eigentlich anguckst (ne ferne Galaxie, einen Kugelsternhaufen, den Überrest einer Supernova, ein Sternentstehungsgebiet...), kannst den Anblick so richtig genießen...
Um soweit zu kommen, braucht es Jahre. Oder Jahrzehnte.