Moin nochmals,
nach 8 Tagen und 3 Nächten testen des 12x36 IS III vs 10x42 L IS WP ist meine Entscheidung gefallen: es wird das 10x42!
Zuerst einmal freue ich mich riesig über so ein tolles High-End Glas, und möchte mich für die Rückmeldungen nochmals bedanken.
Wer jetzt mag, kann noch meine Begründung bzw. Testerfahrung lesen - mit dem Hinweis, dass es meine PERSÖNLICHE Einschätzung ist und keinerlei Allgemeingültigkeit besitzt oder gar Kaufempfehlung darstellen soll. Auch habe ich keine Vergleichsmöglichkeit zu anderen High-End Gläsern und deren Performance im Vergleich zu diesen Gläsern. Aber hier geht es ja auch um den Vergleich 12x36 vs 10x42. Also los:
Persönliche Präferenzen und Testbedingungen
Wie eingangs beschrieben, sind beide Gläser vom Fachhändler, allerdings Kundenrückläufer. Ich konnte keinerlei Gebrauchsspuren feststellen, insofern kann ich nur davon ausgehen, dass beide Gläser quasi neu sind und so funktionieren, wie sie jeweils sollen.
Getestet wurde stets unter identischen Bedingungen, also side-by-side. Frische Batterien haben beide am Anfang bekommen.
Testumfeld war hauptsächlich mein Garten, das Landschaftsschutzgebiet vor meiner Nase und der Himmel. Tagsüber heiter bis wolkig, nachts 2x sternenklar, Vorstadthimmel Hamburg Nähe Flughafen, Bortle 5 und SQM 19.8 (ich weiß,richtig super

).
Ergonomie
12x36: Handlich und sogar leichter als mein bisheriges FG, anfangs war die Position des IS Knopf etwas gewöhnungsbedürftig, allerdings ging es nach einiger Zeit ganz bei Tage ganz gut: mit dem Ringfinger halten, dann mit dem Mittelfinger fokussieren. Das kleine Fokussierrad wünschte ich mir etwas größer, aber es war sonst gut zu bedienen. Nachts, wo ich weniger Bewegung/Schwenken/Nachfokussieren durchführe, empfand ich das dauerhafte drücken des IS Knopfes etwas verkrampfend. Die Augenmuscheln sind ohne Brille soweit gut, aber sehr starr, entsprechend das Umklappen für's Spechteln mit Brille etwas umständlich.
10x42: Was für ein Brocken erstmal. Aber auch hier gewöhnt man sich an das Glas. Es ist bestimmt so, dass die Arme theoretisch schneller ermüden (habe nicht die Zeit gestoppt), allerdings empfand ich die Haltung eines FG an sich für längere Zeit belastender als die 600g Mehrgewicht. Auch das 12x36 musste ich mal absetzen oder mich anderweitig stützen. Der IS Knopf hat dankenswerterweise die An/Aus Funktion. Die Augenmuscheln fand ich nicht zu groß, bin mit meiner Nase und vom IP-Abstand gut rein und rangekommen. Mit Brille habe ich anscheinend das Glück, trotzdem das gesamte Feld zu sehen (das beschreiben viele anders). Ohne Brille habe ich 1-2 Stopps rausgedreht. Volles Feld, keine Wimpern am Glas - perfekt. Die große Okularauflagefläche ist angenehm weich und ich empfand es als guten Bezugspunkt für die Wangenknochen/Augenbrauen.
Beobachtung am Tag
12x36: Das Fokussieren geht etwas schneller als beim 10x42, was bei schnellen Wechseln vorteilhaft ist. Die Vergrößerung ist zwar höher, ich habe das jetzt aber mit keinem Detailgewinn verbinden können. Möglichweise waren die richtigen Objekte noch nicht dabei. Der Blick ist etwas enger im Vergleich. Sphärische Aberrationen habe ich nicht störend wahrgenommen (wenngleich zum Rand hin sehr spät das Bild ganz leicht unscharf oder verzogen ist), chromatische Aberrationen waren sowohl auf der Achse als auch zum Rand hin feststellbar, WENN: die Objekte entweder defokussiert waren oder z.B. vor dem Himmel starken Kontrast boten. Ich sah das bei dunklen Vögeln am Himmel, Flugzeuge in der Ferne beispielsweise. Aber ehrlich gesagt nicht so stark ausgeprägt, als dass ich deswegen das FG nicht kaufen würde.
Der IS läuft etwas langsam an und braucht schon so 1-2s, bis das Bild richtig sitzt. Ich hatte nach dem Kommentar von
@Eisenmeteorit nochmal drauf geachtet, was das Schwimmen/Nachziehen betrifft. Zum Einen sollte man anscheinend nicht nach dem Anschalten gleich Losschwenken, zum Anderen war ein Teil des Schwimmens wohl dadurch bedingt, dass beim Anhalten, bedingt durch geringes Gewicht und 12x Vergr., man leicht zurücksetzt in der Bewegung - dies tritt deutlicher auf als beim schwereren und 10x vergrößerndem 10x42. Ich denke, mit mehr Erfahrung kann man diese unnötige Ausgleichsbewegung verhindern. Allerdings finde ich beim sehr langsamen Schwenken/Abfahren von Objekten die Bewegung nicht so direkt und unmittelbar, wie wenn ich den IS aus habe. Zusätzlich ist manchmal ein leicht zittriges, kurzzeitiges Defokussieren wahrzunehmen, was sich aber augenblicklich wieder fängt.
10x42: IS Knopf gedrückt und das Bild ist annähernd augenblicklich stabil. Finger runter und es bleibt stabil, wenn man dann bereits im Fokus ist. Dann kann man das FG auch noch bequemer halten finde ich. Durch das größere Feld taucht man noch ein bisschen mehr in das Bild ein als beim 12x36. Seitdem ich die Morpheus am Apo mit Bino-Ansatz habe, weiß ich auch dort ein großes Feld sehr zu schätzen. Auch wenn man nicht zwingend zum Rand hin schaut, sonst gibt es eh irgendwann Blackouts. Aber der subjektive Eindruck ist einfach immersiver. Das Bild ist super klar, ich finde die Farbwiedergabe sehr natürlich (wie gesagt, habe keinen Vergleich zu anderen Gläsern). Auch hier finde ich zum äußersten Rand hin leichte Unschärfe, allerdings quasi überhaupt keine CA. An Objekten wie Flugzeugen, oder neulich die Libelle am kleinen Ästchen vor dem hellen Himmel bringt das schon einen Vorteil gegenüber dem 12x36.
Der IS funktionierte für mich tadellos, konnte nichts negatives ausmachen, sondern einfach nur Genuss am wackelfreien Bild. Das Fokussieren könnte etwas schneller gehen, weiß nicht, ob das am größeren Fokussierrad liegt oder tatsächlich mehr Drehung notwendig ist als beim 12x36. Dafür muss ich sagen, ist die Naheinstellungsgrenze von 2,5m einfach nur großartig! Ich habe mich oft dabei ertappt (Garten wie gesagt), wie ich auf der Suche nach Motiven immer mal wieder auf Blumen und Sträucher in der Nähe hängengeblieben bin, weil da gerade ein schönes Insekt saß. Es gibt einem einfach einen größeren Interaktionsradius. Klar, es ist ein Fernglas, aber ganz ehrlich: ein Insekt so ungestört und groß mit dem IS beobachten zu können ist einfach nur atemberaubend! Hier finde ich: ganz klares Plus für das 10x42. Nur nochmal zum Vergleich: beim 12x36 sind es ca. 6m.
Beobachtung bei Nacht
Hier kann ich gar nicht viel zu den Unterschieden schreiben ehrlich gesagt. Wie zuvor schonmal erwähnt, performen an MEINEM hellen Stadthimmel beide Gläser gleich. Ich weiß nicht, wie oft ich hin- und hergewechselt habe. Die CA vom Tage beim 12x36 waren nicht mehr sichtbar für mich, die höhere Vergrößerung scheint die größere Apertur des 10x42 Wett zu machen. Auch hier muss ich gestehen, konnte ich mit dem 12x36 trotz höherer Vergrößerung nicht mehr Details oder Strukturen wahrnehmen als mit dem 10x42. Das mag unter dunklem Himmel noch mal anders sein, aber ich konnte ja nicht mal die Milchstraße sehen. Insofern blieben nur Objekte wie die Leier, M13, M92, Saturn und Jupiter. Auch hier war das größere Feld des 10x42 etwas immersiver. Bei den Planeten gab es vielleicht einen leichten Vorteil des 12x36. Was hiervon bleibt ist die Hoffnung, mit dunklerem Himmel an anderen Orten mehr sehen zu können, und wenn es an die Details geht habe ich ja eh noch meinen Apo noch. Nettes Detail des 10x42: der Fotogewindeanschluss. Da kann ich dann meine Arca-Swiss Schiene dranschrauben und mein leichtes Reisestativ aufbauen.
Fazit
Beides tolle Gläser, ich habe mich mit der Entscheidung wirklich schwergetan. Was bringt mir das 10x42 für den doppelten Preis mehr? Es ist die Summe der Details (Augenmuscheln, Schutzglas vorne, Wasserbeständigkeit, Fotogewinde, IS Knopf, etwas bessere Bildstabilisierung, aberrationsfreie Optik), aber vor allem die Punkte mehr Feld und kürzere Naheinstellungsgrenze, die für mich den Spaßfaktor am Glas nochmal erhöhen und den Ausschlag gegeben haben.
Beste Grüße an alle Canon IS Besitzer und solche, die es mal werden wollen (ich kann es nur empfehlen)
Bernd