Doppelsterne im kleinen Refraktor

Hallo Rene,

Gerne zurück zu DS im kleinen Refraktor, klar. Doch lasse mich abschliessend auf Deine neue Tabelle eingehen, da ich sie wirklich wertvoll finde. Auch Deine vorsichtige Faustformel 300/Vergrößerung für Deine erste Tabelle ist eine wichtige Klärung. Wir müssen diesen Austausch nicht gerade dort abbrechen, wo sie richtig interessant wird.

Die Tabelle zeigt in Verbindung mit der Faustformel, dass jene Formel einen Delta-Mag bis 2 oder 3 abdeckt. Delta-Mag (also der Helligkeitsunterschied zwischen zwei Komponenten, in Magnituden ausgedrückt) ist ja superwichtig.

Die Tabelle lässt auch in Grenzen Rückschlüße auf Deine Sehschärfe zu. Der scheinbarer Winkelabstand eines Paares im Okular ist "tatsächlicher Winkelabstand am Himmel" x "Vergrößerung". Einem gegebenen Beobachter wird die engste scheinbare Trennung eines Winkelabstands am Okular im Allgmeinen bei Delta-Mag 0 gelingen.

In Deiner Tabelle beträgt der kleinste Wert dieses Produktes innerhalb der Reihe "Delta-Mag 0" 175,5 Bogensekungen (STF 1962, 15 x 11,7 = 175,5). Vermutlich erreichst Du am Teleskop niedrigere Werte da, wie Winnie schrieb, die optimale Leistung bei AP 0,7-1mm erreicht wird. Also vielleicht 150 Bogensekunden, sprich kannst 1 Bogensekunde bei 150x trennen? Ich hoffe, ich trete Dir damit nicht zu nahe. Es geht mir nur darum, unsere jeweiligen Trennungsvermögen in Beziehung setzen zu können.

Ich hoffe auch, dass dies alles nicht zu theoretisch erscheint. Es ist in meiner Praxis keineswegs theoretisch, sondern höchst praktisch. Denn nur durch Kenntnis meines persönlichen "kleinsten scheinbaren Winkelabstands gelungener Doppelsterntrennung" kann ich abschätzen, welche Paare überhaupt erfolgversprechend sind.

Ausserdem kann ich dadurch am Okular einigermaßen präzise tatsächliche Winkelabstände am Himmel abschätzen.

Das geht so: ich schaue mir einen Doppelstern an ohne vorige genaue Kenntnis des Winkelabstands. Über die Jahre habe ich festgestellt, dass mein persönlicher "kleinster scheinbarer Winkelabstand gelungener Doppelsterntrennung" bestenfalls 145 Bogensekunden beträgt, eher 155. Anders gesagt, ich kann persönlich bei ca. 150x einen Doppelstern trennen, der einen tatsächlichen Winkelabstand am Himmel von 1 Bogensekunde hat, geringer Delta-Mag und guter körperlicher und psychischer Zustand vorausgesetzt. Für 2 Bogensekunden brauche ich 75x, usw. Geht nun z.B. ein Doppelstern haarscharf auseinander bei 100x, kann ich daraus schliessen, dass er wohl einen Komponentenabstand von 1,5 Bogensekunden hat. Bei einer Trennung im Okular die mehr als nur haarscharf ist kann ich häufig mit einem Fehler von nur 10% den Komponentenabstand bestimmen.

Das ist nicht als Leistungssport gedacht. Es macht einfach Freude. Und es hat nebenbei den Effekt, andere Körper am Himmel, z.B. kompakte planetarische Nebel, recht genau in ihrer Winkelgröße bestimmen zu können. Dazu schaue ich vorher einen geeigneten Doppelstern an, und schon bin am gegebenen Gerät bei gegebener Vergrößerung für diese Nacht "geeicht".

Nun werden viele einwenden, dass man doch genauso gut in die Datenbank, auf seine Planetariumssoftware etc. schauen kann um eine Winkelgröße zu kennen. Daher muss ich an dieser Stelle erläutern, dass ich absolut nichts dieser Art mit hinaus ans Stativ nehme. Keine Karten, keine Himmelsführer und schon gar nichts was einen Bildschirm hätte. Ich merke mir tatsächlich alles am Okular und bestätige es ex-post mit einer Taschenlampe und gedruckte Nachschlagewerke im Gartenschuppen sofern es mich dazu drängt, oder nachher im Haus am PC wenn es mich sehr drängt - was jedoch die Beobachtungssession beendet. Das beschränkt natürlich eine Beobachtungsreihe auf wenige Objekte, macht sie aber umso intensiver.

Ich entschuldige mich bei allen die finden, dass diese Ausführungen zu langatmig seien und diesen Thread belasten. Mir ist bewusst, dass Aufmerksamkeitsspannen heute sinken und längere Texte zunehmend wenig gelesen werden. Aber ich bin manchmal ein Mensch des 18. Jahrhunderts, und das alles musste einfach raus. Jetzt höre ich auf, Traktate dieser Art hier zu posten, versprochen!

Gruß, Christopher
 
Zuletzt bearbeitet:
Lieber Christopher,
mich haben deine Ausführungen vollumfänglich interessiert und meine Aufmerksamkeitsspanne ist bis zum Ende hoch geblieben.
Leider schaffe ich es nicht, bei 150x bis auf eine Bogensekunde runter Doppelsterne zu trennen. Die Grenze liegt hier meist bei zwei Bogensekunden. Bei diesen Vergrößerung spielt bei mir das Seeing eine große Rolle und das ist meist richtig mies.
Aber hey, was solls, mir sind die farbigen Doppelsterne ohnehin lieber ;).
Viele Grüße
René
 
Hallo in die Runde,

ich finde die Ausführungen auch spannend und nicht zu lang und sie haben ja durchaus mit dem Thema zu tun. :)

Den Verzicht auf Bildschirme am Teleskop kann ich gut verstehen. Ich denke mir manchmal: Ich gehe den ganzen Tag so viel mit digitalen Geräten um, da soll die Zeit am Teleskop unter dem Himmel mal ganz analog sein. Das hat irgendwie was beruhigendes.

Mal eine andere Frage:
Könnt Ihr eigentlich Epsilon-Lyrae mit dem bloßen Auge trennen? Ich versuche das fast jedes Mal, wenn ich in die Richtung schaue und es ist immer auf eine eigenartige Weise auf der Grenze: Ich sehe deutlich, dass es nicht nur ein Stern ist, vor allem im Abgleich mit den Nachbarsternen. Aber so richtig sauber getrennt bekomme ich ihn auch nicht. Manchmal denke ich, dass ich für einen kurzen Moment zwei Komponenten sehe, und dann ist der Eindruck schon wieder weg. Scheint also wirklich genau auf der Grenze zu sein.
:)

Herzlich,
Felix
 
Moin Felix!

> Könnt Ihr eigentlich Epsilon-Lyrae mit dem bloßen Auge trennen?

Tja, das ist so eine Sache. Die Sehschärfe ist u.a. von der Größe der Augenpupille abhängig. Üblicherweise nimmt man ja für die Trennleistung des bloßen Auges tagsüber einen Wert von 1' (60") an, der sich nachts bis auf 2' (120") verschlechtern kann - von individuellen "Ausreißern" nach oben und unten mal abgesehen. Die Hauptkomponenten von Epsilon Lyr haben lt. Karkoschka einen Abstand von 209", was eigentlich locker im Rahmen der Möglichkeiten liegen sollte. Es kommt aber leider dazu, daß beide Sterne nur recht lichtschwach sind (+4m6 und +4m7). Ich meine, wenn sie deutlich heller wären, wäre die freisichtige Trennung am Nachthimmel einfacher.
 
...ich habe meine Beobachtungsstrategie bei Doppelsternen mittlerweile dahingehend geändert, als dass ich mich dann doch lieber an eher etwas weiteren (>3" aufwärts) Paaren ergötze. Im Idealfall erfreue ich mich dann an zwei schönen Beugungsbildern mit einem Hauch von Beugungsring (was der 115mm-Apo halt so hergibt)... Kann man machen, muss man aber nicht - und Christophers Ausführungen habe ich gerade in einer mentalen HomeOffice-Pause auch ganz entspannt bis zum Schluss gelesen, muss zwischen Excel, ERP-Tool und Outlook dann auch einmal sein...

Clear Skies (!!!!),
Stefan
 
Mal eine andere Frage:
Könnt Ihr eigentlich Epsilon-Lyrae mit dem bloßen Auge trennen? Ich versuche das fast jedes Mal, wenn ich in die Richtung schaue und es ist immer auf eine eigenartige Weise auf der Grenze: Ich sehe deutlich, dass es nicht nur ein Stern ist, vor allem im Abgleich mit den Nachbarsternen. Aber so richtig sauber getrennt bekomme ich ihn auch nicht. Manchmal denke ich, dass ich für einen kurzen Moment zwei Komponenten sehe, und dann ist der Eindruck schon wieder weg. Scheint also wirklich genau auf der Grenze zu sein.
Moin Felix,
ich habe so gut wie fast alles Tabellen :whistle::cool:
Wenn dich Doppelsterne interessieren, die mit bloßem Auge trennbar sind, kannst du dich an diesen Paaren mal probieren:
1734684537689.png

Die Farbstaffelung am Ende soll die Schwierigkeit hinsichtlich Sichtbarkeit bzw. Trennbarkeit abbilden. α Cap sieht allerdings leichter aus, als er ist in unseren Breiten, weil er am Horizont lang kratzt.

Beste Grüße

René
 
Hallo,

Wenn ich mich da "rantaste", dann auch erst einmal an die gut trennbaren DS. Wenn das gut läuft kann ich immer noch meine Optiken besser ausreizen.

Aber erst mal abfangen :(

Gerade ist der Himmel halbwegs frei. Ich gehe jede Wette ein, dass es später anders ist.

CS Mark
 
Hallo zusammen, danke der Thread war für mich auch sehr erhellend. e Lyr hab ich oft versucht zu trennen, ist mir nie gelungen freiäugig. Einfacher ist für mich der helle Doppelstern in den Hyaden neben Aldebaran, der geht leicht, weil er viel heller ist.

Hab ja jetzt auch einen kleinen Refraktor mit 72 mm Öffnung und aus der Stadt heraus sind Doppelsterne halt viel besser als Galaxien 😉.

Brauch selber mehr Vergrößerung als Ihr. Mit 108 x tue ich mich sehr schwer e Lyr zu trennen. Ich sehe sie zwar doppelt beide aber nicht gleichzeitig. Und ein Paar ist ein klein wenig einfacher. Es ist für mich irgendwie viel leichter die beiden Beugungsscheibchen in Abstand zu sehen als wenn es 2 nadelfeine Pünktchen sind.

Ich hab ohne Brille ca. 120 bis 150 Prozent Sehleistung ohne Brille allerdings nur 50 Prozent, hauptsächlich wegen Asti am Auge. Vielleicht liegt es daran, dass ich höhere Vergrößerungen brauche, weil ich mit Brille nicht ins 4 mm Ortho kriechen kann. Dachte zwar immer Asti ist bei kleiner AP nicht relevant, aber vielleicht doch im Grenzbereich.

Dann reagieren Teleskope unterschiedlich auf Zubehör. Bei meinem TS ED 125 Lantan bekomme ich das schärfste Bild mit dem 2 Zoll Prisma, der Farbfehler ist unsichtbar. Beim Lacerta ist das uralte kleinere Vixen Prisma weit besser. Weniger Farbfehler (fast unsichtbar) und deutlich schärfer.

Mein liebstes Okular zum Beispiel für Albireo war immer ein altes Japan Widescan in 20 mm und ein wahrscheinlich Baugleiches von University Optics mit 8 mm und 84 Grad. Am f6 Refraktor machen beide Okulare verzogenene Sterne weit vom Rand rein, wobei ein 40 mm Billig Plössl völlig randscharf abbildet.

Aber allerbesten Dank. Damit werden meine Abende am Balkon richtig spannend. Und ausführliche Erläuterungen sind etwas dass man heute oft vermissen muss. Danke dafür.


Und farbige Doppelsterne sind traumhaft schön. Gam. Andr. konnte ich letzten Abend bewundern. Izar im Frühjahr ist auch ein Schätzchen, bin gespannt ob der mit 72 mm geht. Der ist für mich eine harte Nuss manchmal auch mit doppelter Öffnung 😉

LG Franz
 
...ich habe meine Beobachtungsstrategie bei Doppelsternen mittlerweile dahingehend geändert, als dass ich mich dann doch lieber an eher etwas weiteren (>3" aufwärts) Paaren ergötze. Im Idealfall erfreue ich mich dann an zwei schönen Beugungsbildern mit einem Hauch von Beugungsring (was der 115mm-Apo halt so hergibt)... Kann man machen, muss man aber nicht...
Wenn man es aber "sportlich" sieht, ist im (unseren) 115mm Apo ganz viel im Grenzbereich machbar:

- 68/delta3 Tau (KUI 17): [4.26m/7.85m; 1.80“], 143x

- 47 Tau (BU 547): [5.05m/7.32m; 1.27“], 167x

- epsilon Ari (STF 333): [5.17m/5.57m; 1.29“], 118x

- 10 Ari (STF 208): [5.82m/7.87m; 1.63“], 143x

- 32 Ori (STF 728): [4.44m/5.75m; 1.40“], 118x

usw...sehr gutes seeing, sehr gute Okulare, "Adleraugen", viel Konzentration, etc. erforderlich...
 
Danke René, für die Tabelle mit den Doppelsternen für das bloße Auge!
Das ist eine sehr schöne Anregung, wo man mal hinschauen kann. :)
Gruß,
Felix
 
Wenn man es aber "sportlich" sieht, ist im (unseren) 115mm Apo ganz viel im Grenzbereich machbar:

- 68/delta3 Tau (KUI 17): [4.26m/7.85m; 1.80“], 143x

- 47 Tau (BU 547): [5.05m/7.32m; 1.27“], 167x

- epsilon Ari (STF 333): [5.17m/5.57m; 1.29“], 118x

- 10 Ari (STF 208): [5.82m/7.87m; 1.63“], 143x

- 32 Ori (STF 728): [4.44m/5.75m; 1.40“], 118x

usw...sehr gutes seeing, sehr gute Okulare, "Adleraugen", viel Konzentration, etc. erforderlich...
...führe mich nicht in Versuchung. Oder doch? Sehr gute Okulare habe, Konzentration dann auch - und auch das Seeing kann schon einmal richtig gut im Garten sein (Richtung Süden steht halt kein Haus...).

Ich werde berichten!

Stefan
 
Hallo zusammen, danke der Thread war für mich auch sehr erhellend. e Lyr hab ich oft versucht zu trennen, ist mir nie gelungen freiäugig. Einfacher ist für mich der helle Doppelstern in den Hyaden neben Aldebaran, der geht leicht, weil er viel heller ist.

Hab ja jetzt auch einen kleinen Refraktor mit 72 mm Öffnung und aus der Stadt heraus sind Doppelsterne halt viel besser als Galaxien 😉.

Brauch selber mehr Vergrößerung als Ihr. Mit 108 x tue ich mich sehr schwer e Lyr zu trennen. Ich sehe sie zwar doppelt beide aber nicht gleichzeitig. Und ein Paar ist ein klein wenig einfacher. Es ist für mich irgendwie viel leichter die beiden Beugungsscheibchen in Abstand zu sehen als wenn es 2 nadelfeine Pünktchen sind.
epsilon 1,2 geht z.B. mit einem 85mm Spektiv (Zeiss DiaScope) und einem 4mm TeleVue Radian bei 126x; und ja, epsilon 1 ist etwas schwieriger wg. des Helligkeitsunterschiedes.

csm
 
Guten Abend in die Runde!

Ich habe heute mit dem Telementor zwei schöne farbige Doppelsterne angesehen: zuerst U Cygni und dann WZ Cassiopeiae. Zweimal ein herrlicher Farbkontrast, sehr ästhetisch, bei 26x mit vielen Sternen drumherum. Es war das erste Mal, dass ich bewusst so schöne rote Kohlenstoffsterne gesehen habe. Danke an @ReneM für den Tipp! :jungehier:

Ich denke bei den farbigen Doppelsternen mache ich weiter. Es gibt ja eine schöne Liste mit 200 Kandidaten. :giggle:

Herzliche Grüße in die Runde,
Felix
 
Guten Abend in die Runde,

ich habe noch ein bisschen bei den Freunden der Nacht gestöbert und heute wieder zwei farbige Doppelsterne beobachtet:

15 Aquila habe ich mir mit dem Telementor bei 26x angesehen. Ein schönes Pärchen. Zuerst war ich mir ganz sicher: Die hellere A-Komponente sah gold-gelb aus, die schwächere B-Komponente eher weiß. Doch dann kehrte sich der Eindruck plötzlich um, als ich mich auf die B-Komponente konzentrierte. Das Spiel konnte ich einige Male wiederholen. Die Komponente, auf die ich meinen Fokus richtete erschien farbig, die andere eher farblos. Ob das an den Stäbchen und den Zäpfchen liegt? Könnte es sein, dass das Licht der Komponente, die leicht außerhalb des Fokus liegt schon auf die Stäbchenzellen trifft? Das ging mir nur so als mögliche Erklärung für den Effekt durch den Kopf… :)

Danach habe ich zu alpha Her geschwenkt. Bei 70x war er sauber getrennt, bei 105x war die Hauptkomponente gelblich, die schwächere Komponente eher farblos zu sehen.

Ich beobachte gerade richtig gerne mit dem Telementor. Auf einer leichten azimutalen Montierung von Berlebach und mit der simplen Peilvorrichtung hat das eine schöne Leichtigkeit. Hinstellen, anpeilen und los. :)

Ein herzlicher Dank auf jeden Fall an die Freunde der Nacht! Eure Internetseite ist echt super und die Rubrik mit den farbigen Doppelsternen, vor allem mit den Zeichnungen ein echter Knaller!

Herzliche Grüße,
Felix
 
Hallo Felix,

ich nehme den Dank gerne für die Freunde der Nacht an und leite ihn weiter. Schöne Doppelsterne hast Du da herausgepickt. Sie gehören auch zu meinen Lieblingsobjekten. Ich teile ebenfalls Deine Vorliebe für einfache azimutale Montierungen.

Danke auch dafür, dass Du diesem Thread neues Leben einhauchst!

Beste Grüße, Christopher
 
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