Hallo Peter (
@pem.fue),
du hattest mich ungefähr vor 47 Posts direkt angesprochen, bitte entschuldige die verspätete Reaktion ...
Ich möchte kurz auf ein paar deiner Punkten eingehen und danach noch meine Perspektive vermitteln. Wie gesagt, einiges ist meine Meinung und ich akzeptiere da selbstverständlich, wenn jemand eine andere Meinung hat. Es gibt allerdings auch einige Fakten, zu denen man eigentlich keine "Meinung" haben kann. Und all das, was ich schreibe, ist keinesfalls als persönliche Kritik zu sehen! Soviel vorab ;-)
Leider kann ich deine alten Punkte nicht mehr zitieren, von daher also hier "zu Fuß". Zitat "ganz verteufeln würde ich BXT nicht, man muss halt behutsam damit umgehen. Und im sternenfreien Bild kann man sehr gut kontrollieren (etwa durch blinken), ob das etwas "dazu geforscht" wurde, oder nicht.". Die Beliebtheit dieser Tools liegt ja darin, dass die Bilder wie magisch schärfer und detailreicher gerechnet werden. Für die Details, die also neu einstehen, gibt es keine Entsprechung im Originalbild, ein Vergleich vorher/nachher ist also sinnlos, um das zu beurteilen. Vergleichen müsste man das "verbesserte" Bild mit einem anderen, das eine höhere Auflösung/Qualität hat
und glaubhaft ist. Also eben nicht mit KI-Tools bearbeitet, z.B. Bilder von der ESA/NASA oder Bilder, die vor der Verbreitung dieser Tools entstanden sind. Es reicht einfach nicht aus, zu sagen "ich sehe doch, dass keine Artefakte entstanden sind".
Das mögliche Entstehen von Halluzinationen ist aber nur ein Teil. Der andere Teil ist, das dieser "Wow-Effekt" zu einem guten Teil darauf basiert, dass Wissen, das in dem neuronalen Netz verankert ist, dazu genutzt wird, diese Bilder zu "verbessern". Wenn wir uns die Blink-Bilder von Karsten oben ansehen, wird ein Teil der "Verbesserung" durch die "simulierte" Dekonvolution entstanden sein, was für mich Ok ist. Diesen Teil kann man auch mit "richtiger" Dekonvolution erreichen. Ein anderer Teil basiert darauf, dass die KI
sehr glaubhafte "Verbesserungen" vorgenommen hat, die aber rein aus ihrem gespeicherten Wissen entstanden sind. Man kann also praktisch per Regler bestimmen, wielviel "Karsten-Bild" in dem Ergebnis enthalten ist und wieviel "Hubble-ST-Wissen". Das ist für mich persönlich nicht in Ordnung. (Hier möchte ich nochmal darauf hinweisen: letzteres ("ist nicht in Ordnung") ist nur meine Meinung, dass "Hubble-ST-
Wissen" (nicht die konkreten Bilder!)
in großem Umfang in die "Verbesserungen" eingeht ist eine Tatsache, siehe auch die Beiträge von Rainer.)
Zum Thema "man muss eh den Entwicklern vertrauen". Es gibt einiges ein Open Source (z.B. Siril), da kann man im Code nachsehen, was konkret implementiert ist. Und wenn ein renommierter und seriöser Anbieter wie Pleiades / PixInsight z.B. erklärt, dass es sich um eine Richardson-Lucy Dekonvolution handelt, kann man wohl getrost davon ausgehen, dass dies seine Richtigkeit hat. Das ist bei den CNN-basierten Tools ganz anders. Zum einen hat sich der Anbieter eigentlich schon durch die Entscheidung disqualifiziert, ein neuronales Netzwerk zu nutzen. Und dass in keinem Fall nachvollziehbar ist, womit und wie es es wirklich trainiert wurde, dürfte auch klar sein. Wem ich aber auf keinen Fall vertrauen würde, ist Herrn R.C. Man sieht es ja schon daran, dass er einiger seiner (eigentlich unfassbaren) Behauptungen von seiner Seite entfernt hat, nachdem klar war, dass diese unhaltbar sind. Ich finde es sehr traurig, dass eine Person mit so einer Vita solche Tools anbietet. Er weiß es ganz bestimmt besser, arbeitet aber unter dem Deckmantel der Wissenschaft unseriös mit (zumindest) Halbwahrheiten. Dass Problem ist halt, dass ein größerer Teil der Benutzer das Hintergrundwissen nicht hat, um das selbst beurteilen zu können. Wenn ich aber nun die Wahl hätte, Herrn R.C. zu vertrauen (der nun mit einer unmoralischen Geschäftsidee Unsummen verdient) oder z.B. den obigen Aussagen von Rainer (der davon keinen Nutzen hat und dafür sogar noch mies angegangen wird), dann wäre meine Entscheidung klar, wem ich vertraue.
Zum Thema "KI verteufeln" - falls du damit (auch) auf mich anspielst (völlig in Ordnung!): Ich verteufele neuronale Netze und die sogenannte "KI" in keiner Weise! Ich nutze beides ausgiebig selbst, auch beruflich und habe in der Vergangenheit schon selbst NN aufgebaut und trainiert (nur zur Lehrzwecken). Vor einiger Zeit habe ich eine Software implementiert, die über Schnittstellen mit einem LLM arbeitet. Es gibt unglaublich viele sinnvolle Anwendungsgebiete dafür. Aber (aus meiner Sicht) eben nicht
zu diesem Zweck. Was Astrofotografie aus meiner Sicht sein sollte, ist zumindest "dokumentarisch". "Wissenschaftlich" ist so ein großes Wort und - ganz ehrlich - unsere kläglichen ;-) Bildchen wird wohl niemand alles ernstes für wissenschaftliche Zwecke verwenden wollen. Aber ich möchte eben auch nichts "falsches" in die Welt setzen.
(Man kann derartige Verfahren z.B. auch dafür nutzen, ein verstümmeltes (z.B. Sprechfunk-) Sprachsignal zu "rekonstruieren". Wenn das NN einen Laut erkennt, kann es dessen verstümmelte Reste durch eine synthetisierte Variante ersetzen. Wenn dann dann nicht so klingt wie der Sprecher, ist das OK. Wenn in dem Kugelsternhaufen oben die Sterne durch hübschere synthetisierte Varianten ihrer selbst ersetzt werden, sollte man sich dessen zumindest bewusst sein.)
So, genug davon ;-) Mit dem Gesagten und insbesondere mit den detaillierten Erläuterungen von Rainer (ich kann empfehlen, diese mehrere Male zu lesen, es erschließt sich einiges noch genauer) kann sich jeder eine fundierte Meinung bilden.
Jetzt noch kurz meine Perspektive: Ich habe mit der AP einige wenige Jahre angefangen, bevor diese KI-Tools auf den Markt gekommen sind. Ich hatte keine Ahnung und habe mit ganz kleinem Equipment angefangen, weil ich nicht sicher war, was und ob überhaupt in diesem lichtverseuchten Himmel möglich ist. Dann war ich sofort absolut fasziniert von der AP und habe Schritt für Schritt versucht, mich weiter zu entwickeln. Dazu habe ich viel gelesen, auch in Foren und fand es immer sehr wertvoll, die Bilder zu sehen, die andere Leute gemacht haben und die dann dazu die technischen Daten und weitere Hintergrundinformationen geteilt haben. Ich hatte die Möglichkeit, diese Bilder mit meinen zu vergleichen und zu überlegen, ob und was bei mir noch "fehlt": Was mache ich falsch, was kann verbessert werden?
Dies alles ist nun nicht mehr möglich. Unter Einsatz dieser RC-X-Whatever-Tools sehen die Aufnahmen immer perfekt aus und locker so, als wären sie unter einem 2 Klassen dunkleren Himmel mit doppelt so viel Öffnung und 4 mal so viel Belichtungszeit entstanden. Für mich vollkommen wertlos. Ich habe auch einen großen Teil der Lust verloren, mir solche Aufnahmen überhaupt anzusehen, weil ich eben nicht weiß, wie viel davon wirklich aufgenommen wurde und wie viel "Hubble" darin ist. Ich muss es wirklich so hart formulieren:
Für mich sind diese Werkzeuge das absolut Schlimmste, was der Astrofotografie passieren konnte. Ich schaue mir meist nur noch Aufnahmen an, bei denen ich sicher bin, dass die konventionell bearbeitet wurden und hoffe darauf, dass sich irgendwann ein Sinneswandel durchsetzt.
Trotzdem haben wir da ein cooles und faszinierendes gemeinsames Hobby. In diesem Sinne: Clear Skies!
Viele Grüße, Dietmar.