Canon hat gute Konstrukteure, aber dumme Texter
Wegen großer Arbeitsüberlastung bin ich derzeit im Forum nicht aktiv, sondern schaue nur mal stichprobenartig rein. Dein Hinweis mit dem Canon-Link hat mich allerdings aufgeschreckt, so daß ich mich trotz täglicher Überstunden ausnahmsweise zu Wort melden muß.
Na, da hat sich Canon aber etwas geleistet! Während in allen technischen Beschreibungen der IS-Ferngläser steht, daß sie Porro-II-Prismen haben, ist in der Zeichnung unter dem von Dir (hanz) angegebenen Link eindeutig ein Schmidt-Pechan-Prisma zu sehen, das allerdings (wahrscheinlich zur Erzielung des für die Canon-IS-Gläser typischen Achsenversatzes einen arg asymmetrisch verlaufenden achsenparallelen Hauptstrahl erzeugt. Was für ein Genie hat diese Zeichnung erstellt! Ich glaube, daß die Optikkonstrukteure von Canon einen Herzainfarkt erleiden, sollten sie zufällig diese Zeichnung sehen.
Der Text darunter ist kongenial: Man erfährt, daß der zweilinsige Bildfeldebner „ein klares Bild erzeugt”, während ohne Bildfeldebner ein „verzeichnetes Bild” ersteht (neuartiges Gegensatzpaar = klar : verzeichnet). Das aber geht keineswegs aus dem Bild hervor, das auch ohne Bildfeldebner völlig gerade und parallele Linien aufweist, also unverzeichnet ist. Ich sehe dort auch nicht weniger Klarheit, sondern nur, daß dieses Bild kleiner ist. Sollte also vielleicht ohne Bildfeldebner ein kleineres Bild resultieren bzw. der Bildfeldebner die Vergrößerung und den scheinbaren Sehwinkel steigern?
Ich verstehe nicht, wie eine Firma, die wirklich sehr gute Konstrukteure und entsprechende Produkte hat, so einen Mist verzapfen und ins Internet stellen kann, um sich weltweit öffentlich zu blamieren.
Die deutsche Canon-Niederlassung steht diesbezüglich der in den USA nicht nach. Denn auf der Seite
http://www.canon.de/for_home/product_finder/binoculars/binoculars_technology.asp
kann man sich köstlich über folgenden Unsinn (und noch viel mehr, denn dies ist nur ein kleiner Auszug!) amüsieren. Ich zitiere wortwörtlich und buchstabengetreu aus Canons Ratgeber für Fernglasanfänger:
Die Mehrheit aller Ferngläser, die heute verkauft werden, verwenden konvexe Linsen sowohl für die Objektivlinse als auch für die Linse im Okular. Sie werden als Prismenferngläser bezeichnet, da zur "Korrektur" des umgedrehten Bilds Prismen verwendet werden.
Wenn ein Fernglas mit 10facher Vergrößerung beispielsweise ein 5faches tatsächliches Sehfeld hat, beträgt das scheinbare Sehfeld 50 Grad. Dieser Wert steht für das Sehfeld, das beim Blick durch das Fernglas sichtbar ist.
Die Helligkeit variiert von einem Fernglasmodell zum anderen. Die Helligkeit hängt vom Preis und von der Größe des Fernglases ab. Es gibt viele Helligkeitsabstufungen je nach persönlichen Bedürfnissen.
Scheinbares Sehfeld. Dies ist der Wert des tatsächlichen Sehfelds multipliziert mit der Vergrößerung. Wenn ein Fernglas mit 10facher Vergrößerung beispielsweise ein 5faches tatsächliches Sehfeld hat, beträgt das scheinbare Sehfeld 50 Grad.
Die Helligkeit variiert von einem Fernglasmodell zum anderen. Die Helligkeit hängt vom Preis und von der Größe des Fernglases ab. ... Die Helligkeit wird im Maß der Austrittspupillenöffnung zum Quadrat ausgedrückt.
Ferngläser verwenden zwei parallel gestellte Linsen. Wenn diese Linsen jedoch bei der Herstellung nicht perfekt ausgerichtet wurden oder beim Transport eine starke Erschütterung aufgetreten ist, können die Linsen leicht fehlerhaft ausgerichtet sein. Wenn das der Fall ist, sehen Sie zwei Bilder. Selbst wenn Sie das Fernglas fixieren, verschieben sich die Linsen mit einem leichten Ruck. Solche Ferngläser sind nicht empfehlenswert.
Wenn Sie sich ein weißes Objekt ansehen, erscheint ein regenbogenartiger Ring. Bei diesem Phänomen, das chromatische Abweichung genannt wird, verringert sich in der Regel die Bildqualität. Es tritt bei Ferngläsern mit größeren Öffnungen und höherer Vergrößerung auf.
Selbst wenn Sie bei der Beobachtung von Vögeln ein Fernglas mit einer mehr als 10fachen Vergrößerung benötigen, sollten Sie nur eine 7- oder 8fache Vergrößerung verwenden, da Sie sich viel bewegen müssen.
Wenn ich Chef bei Canon Deutschland wäre, würde ich den (die) Verfasser(in) dieses Elaborats auf Schadenersatz verklagen und auf der Stelle feuern.
Ich hoffe sehr, daß irgendwer einem der Verantwortlichen bei Canon Deutschland den Hinweis gibt, sich diese Zitate und dann mal den gesamten Nonsense auf der obengenannten Canon-Internetseite anzusehen. Vielleicht dämmert es dann, daß man solche Texte von Fachleuten und nicht von Stümpern verfassen lassen sollte.
Zum Schluß nur beiläufig und mangels Zeit ohne nähere Erklärung: Die Bildfeldebnungslinsen haben absolut nichts mit einer Barlow-Linse zu tun, wie Holger Merlitz meint. Das folgt allein schon aus der Anordnung der Negativlinse bzw. Negativgruppe unmittelbar hinter dem Pimärfokus (eine Barlow muß ein Stück VOR dem Primärfokus liegen!). Es handelt sich vielmehr um eine Variante der Smythschen Linse, deren Prinzip darauf beruht, daß bei gleicher geometrische Weglänge die optische Weglänge in Luft und Glas verschieden ist.
Walter E. Schön