Beobachtung vom 02.09.2026
Hallo zusammen,
wider Erwarten zeigte sich gegen 10:52 MESZ die Sonne für etwa eine Stunde bei durchziehender Bewölkung. Heute wird es textlastig:
Die Sonne zeigt sich mäßig aktiv. Mehrere aktive Regionen und Sonnenfleckengebiete sind auf der sichtbaren Scheibe vorhanden, zeigen derzeit jedoch überwiegend eine ruhige magnetische Entwicklung. Ein auffallend langes, ruhendes Filament erstreckt sich im nordwestlichen Quadranten. Am Sonnenrand sind lediglich kleinere und eher unauffällige Protuberanzen zu sehen. Das Seeing war dennoch durchaus brauchbar.
Der heutige quasi-simultane Scan der Hα-Linie und des NUV-Bereichs (Ca II H einschließlich Hε, Δt = 20 s) zeigte bei AR 4521 einen ausgeprägten Moustache im Hα-Spektralprofil und damit eine für eine Ellerman-Bombe charakteristische Signatur. Im Ca-II-H-Spektrum findet sich an korrespondierender Stelle eine flächige Aufhellung, jedoch ohne ein ausgeprägtes Flügel-Profil. Auch im Bereich von Hε ist eine entsprechende Aufhellung erkennbar. Eine weitere, deutlich schwächere Moustache-Erscheinung zeigte sich in der Hα-Linie bei AR 4523, jedoch ohne erkennbares Gegenstück in den NUV-Spektrallinien.
Damit ist mir heute möglicherweise genau das gelungen, wofür ich die quasi-simultanen Scans durchgeführt habe: eine auffällige Hα-Signatur nahezu zeitgleich in mehreren Spektrallinien verfolgen zu können – und damit der Frage nachzugehen, ob die beobachteten NUV-Signaturen tatsächlich mit dem Hα-Ereignis zusammenhängen.
Zunächst - wie üblich - zum Überblick die Aufnahmen der gesamten Sonnenscheibe in den NUV-Spektrallinien sowie in der Hα-Linie und ihrem blauen Flügel. Sie zeigen die Verteilung der aktiven Regionen und geben einen ersten Überblick über die auf der sichtbaren Sonnenscheibe vorhandenen Strukturen.
Im Anschluss folgt die detaillierte Betrachtung von AR 4521, in der sich die mutmaßliche Ellerman-Bombe in Hα und die begleitenden NUV-Signaturen besonders deutlich zeigen. Danach wird der deutlich schwächere Moustache in AR 4523 betrachtet. Den Abschluss bilden die Vermessung des auffallend langen, ruhenden Filaments sowie die darin festgestellten Redshifts.
NUV-Spektroheliogrammme
Hε-Linie und Komponenten der CA II H Linie:
Ca II H - Linienkern:
Hα-Spektroheliogramme
Blauer Hα-Außenflügel, -Innenflügel sowie der Linienkern
Hα-Linienkern
Hα-Linie: Severny-Moustaches und mutmaßliche Ellerman-Bomben in AR4523 und AR4521:
Erwartungsgemäß zeigen sich die mutmaßlichen Ellerman-Bomben ausschließlich in den Linienflügeln. Der deutlich schwächere Moustache in AR 4523 ist im Spektroheliogramm nur in den äußeren Hα-Flügeln erkennbar. Dies könnte darauf hindeuten, dass die emittierende Struktur sehr tief in der solaren Atmosphäre liegt und ihre Emission in höheren Schichten kaum noch sichtbar wird.
Hier ein Δλ-Scan des blauen Flügels der Hα-Linie von AR 4523 und AR 4521. Die beiden mutmaßlichen Ellerman-Bomben sind farbig markiert:
Multispektraler Vergleich der Ellerman-Bombe in AR 4521
Jetzt wird es spannend, denn jetzt kommt der Zugewinn der quasi-simultanen Aufnahme in den verschiedenen Spektrallinien hinzu. Die Beschriftung erfolgt ausnahmsweise in Englisch, da ich parallel gerne internationales Feedback einholen möchte. Zu sehen ist quasi-simultan (Δt = 20 s) zum Moustache Profil in der Hα Linie eine flächige Emission in der CA II H Linie bzw. in Hε. Die Emissionssignaturen überlappen sich dabei, eine auffällige Korrelation zum Moustache lässt sich m.E. in der Ca II H Linie nicht identifizieren:
In den Spektroheliogrammen zeigt sich eine entsprechende Aufhellung in AR 4521. Dabei ist ein deutlicher räumlicher Versatz zwischen der Hα- und der NUV-Signatur erkennbar. Ob dieser Versatz tatsächlich auf unterschiedliche Entstehungshöhen bzw. die räumliche Struktur desselben Ereignisses zurückzuführen ist, zumindest teilweise durch die unterschiedliche räumliche Auflösung und die Bildregistrierung entsteht oder letztendlich überhaupt kein Zusammenhang zwischen den beiden Signaturen besteht, lässt sich aus den vorliegenden Aufnahmen allein nicht sicher entscheiden:
Vorsichtige fachliche Interpretation
Das Hα-Spektrum in AR 4521 zeigt mit den ausgeprägten Flügel-Emissionen („Severny-Moustache“) eine für eine Ellerman-Bombe charakteristische Signatur. Auf dieser Grundlage würde ich das Ereignis zunächst als mutmaßliche Ellerman-Bombe einordnen.
Im Ca-II-H-Spektrum lässt sich dagegen keine eindeutige Moustache-Signatur in den Flügeln erkennen. Auffällig ist jedoch eine flächige Aufhellung im Bereich der entsprechenden Region, die auch im NUV-Spektroheliogramm angedeutet ist. Gleichzeitig zeigt sich ein deutlicher räumlicher Versatz gegenüber der Hα-Signatur.
Ob diese NUV-Aufhellung tatsächlich mit dem in Hα beobachteten Ereignis zusammenhängt, lässt sich anhand der vorliegenden Daten nicht sicher entscheiden. Denkbar wäre eine NUV-Antwort derselben Struktur, die sich aufgrund der unterschiedlichen Linienbildung und räumlichen Auflösung anders darstellt. Ebenso kann eine Überlagerung mit einer unabhängigen chromosphärischen Struktur, z.B. einem Plage in CA II H, nicht ausgeschlossen werden.
Gerade diese Diskrepanz finde ich interessant: Während Hα eine sehr deutliche Moustache-Signatur zeigt, erscheint die entsprechende NUV-Struktur wesentlich diffuser und ohne klar erkennbares Flügelprofil. Die Beobachtung ist daher für mich weniger ein Nachweis einer Ellerman-Bombe in Ca II H als vielmehr ein interessanter Befund, der die Frage aufwirft, ob und in welcher Form sich ein Hα-Ereignis in den NUV-Linien abbildet.
Fazit
Die Beobachtung zeigt, dass selbst ein zeitlicher Abstand von nur 20 Sekunden beim multispektralen Vergleich eines kurzlebigen Ereignisses wie einer mutmaßlichen Ellerman-Bombe bereits relevant sein kann. Die Hα-Signatur zeigt eine ausgeprägte Moustache-Struktur, während in den NUV-Linien lediglich eine diffuse Aufhellung erkennbar ist. Ob diese unterschiedliche Erscheinungsform tatsächlich auf die unterschiedlichen Linienbildungshöhen zurückzuführen ist oder zumindest teilweise durch die zeitliche Differenz, die unterschiedliche räumliche Auflösung und die Bildregistrierung verursacht wird, bleibt offen. Ebenso ist nicht auszuschließen, dass zwischen den beobachteten Hα- und NUV-Signaturen überhaupt kein physikalischer Zusammenhang besteht.
Für zukünftige Beobachtungen wäre daher eine noch geringere zeitliche Differenz zwischen den Hα- und NUV-Scans wünschenswert. Gerade bei kurzlebigen Ereignissen könnte sich dadurch besser beurteilen lassen, ob die in unterschiedlichen Spektrallinien beobachteten Strukturen tatsächlich demselben Ereignis zugeordnet werden können.
CS
Stephan