Der Polystrehl ist auch ein riesen Streitthema unter Optikern, auch müßig, darüber zu diskutieren.
Hi Olli,
vielleicht ist es (ausnahmsweise, hahaha) ja mal nicht muessig darueber zu diskutieren.

Daher graetsche Ich hier mal wieder als das typische "Enfant Terrible" mit 'rein, weil Ich diese Strehl Debatte bei Astrographen ebenfalls zunehmend irritierend finde.
Daher mal der Versuch einer Ortsbestimmung jenseits des eigentlichen Threadthemas:
Wenn der Strehl bei einer Farbe nicht in Ordnung ist (i.e. <0.8), dann bildet das System bereits bei einer Farbe auf der Achse nicht beugungsbegrenzt ab. Das ist eigentlich die absolute Minimalvoraussetzung fuer ein abbildendendes System. Der Polystrehl sagt uns darueberhinaus dann nur, inwiefern das fuer alle Farben auf der Achse der Fall ist. Das ist die Minimalvoraussetzung fuer eine farbreine, beugungsbegrenzte Abbildung auf der Achse, sagt aber i.d.T. wenig darueber aus, ob und wie das System Off-Axis Aberrationen korregiert und vor allen Dingen, wie das fuer einzelne Spektralfarben erledigt wird.
Fuer Astrographen mit grossem Bildfeld ist aber genau das die eigentliche Herausforderung. Ich habe (jeder hat seinen Knall) Zeiss-Objektive fuer meine Nikon, die jeweils mehrere tausend Euro kosten, die sind - da schau mal her - so ab F/11 im Feld beugungsbegrenzt. Muss daher alles irgendwo Schrott sein...

In Wahrheit dominieren im Feld Off-Axis Aberrationen, deren Korrektur das eigentliche Limit der Abbildung darstellt.
Und was mich da interessiert sind die MTF Diagramme, die mir klar darlegen, was loest das Objektiv quantitativ in welchem Bereich des Bildfelds aufloest. Und kein Kameraobjektivhersteller, keine Luftbildkamera, keine Optik eines Ueberwachungsateliten, keine Mikroskopoptik, die mir je untergekommen waere, ist durch den Strehl auf der Achse charakterisiert worden.
Abseits der Qualitaetskontrolle im Fertigungsprozess macht der Strehl (und auch der Polystrehl) genau dann Sinn, wenn man mit der Optik sehr weit hochvergroessern will und sich primaer fuer die Abbildung nahe der Achse interessiert und jedwede Seeinglimitierung mal ganz ausklammern will. Das gilt auch fuer den Farblaengsfehler, der wie eine Monstranz herumgetragen wird.
Die dominierende Relevanz von Farblaengsfehler und Strehl gilt daher z.B. bei den "klassischen Planetenapos", ist bei Widefield-Systemen mit geebnetem Bildfeld sind die aber nur ein Teil der Geschichte.
Das duerfte jedem Amateur spaetestens dann daemmern, wenn der sich z.B. mal einsinken laesst, das ein Newton mit sehr kleiner Obstuktion
ohne Korrektor in der Bildmitte zwar nach diesen Kriterien (Strehl, Polystrehl) absolute Spitze waere, aber im Feld dagegen eine komplette schlecht ausgeleuchtete komateuse Katastrophe.
*Tangente* Auch die Pentax Astrographen und der VSD100 wie auch die TeleVue Petzval Rohre sind stellenweise so "kaputtgeredet" worden (woaaa, was fuer ein Farblaengsfehler verglichen mit einem APQ100 fuer solch' teure Dinger), weil Leute da Kriterien angelegt haben, die dem Einsatzzweck dieser Geraete nicht mal ansatzweise voll gerecht wurden. Die Taks wie der FSQ-106 oder der FSQ-85 hat diesbezueglich wahrscheinlich nur die Reputation der "Tak Plantenkiller" gerettet.
Und so kommt es auch, dass viele andere Zweilinser, die zwar mit gutem Korrektor in der Praxis sehr, sehr respektable Astrographen abgeben, mitunter als "nicht die wahre Lehre" vom Tisch gewischt werden, obwohl all diese Astrographen bei langer Aufnahmedauer in der Praxis zu 95% seeingbegrenzt sind und ueberhaupt nicht etwa beugungsbegrenzt. Das ist insofern lustig, dass inzwischen diese Denke in der Praxis von Petzvals wie z.B. dem RedCat komplett konterkariert wird.... *Ende Tangente*
Dementsprechend wird die Qualitaet bei abbildenden Flatfield-Systemen auch anders vermessen: Die Referenz ist da entweder eine monochromatische MTF-Messung auf verschiedenen Farben des gesammten Spektrums ueber das Feld, oder eine multichromatische Messung am SW-Target (das waere das Aequivalent des Polystrehl).
Sowas mit Amateurmethoden zu machen ist nicht ganz trivial, da dazu das MTF-Target optisch in's Unendliche gelegt werden muss. Dazu muss die erforderliche Kollimationsoptik beinahe eine Groessenordnung besser sein, als die zu pruefende Optik und solche Messysteme kallibriert und kollimiert zu halten ist nicht einfach (sonst misst man Hausnummern).
Im Profi-Bereich machen das z.B. solche Systeme:
Die ImageMaster® HR & Universal von TRIOPTICS DE steht für extrem hohe Genauigkeit & Flexibilität beim Prüfen der Modulationsübertragungsfunktion = MTF.
trioptics.com
und der eigentliche Dreh' ist hier der hochgenaue Kollimator und das Target.
Solche MTF-Pruefungen quer durch's Bildfeld sind im Amateurbereich der Astronomie seltsamerweise zwar noch "Neuland" (das war der Strehl auf der Achse vor 20 Jahren auch noch), aber im Bereich der Fotografie insgesammt (z.B. Stichwort Imatest) dagegen schon lange nicht mehr. Fuer die Astrofotografie muessten die Targets halt nach Unendlich und das ist nun mal nicht ganz trivial (das ist u.a. deshalb noetig, weil sonst auch die ganzen Abstaende der Flattener und Reducer i.A. nicht mehr stimmen und die MTF verfaelschen).
Und was der
@tommy_nawratil z.B. hier anbietet:
L-RC51 | 51/250 RedCat Flatfield APO (Tiltadapter ist inkludiert) (siehe L-RC51 Redcat corner) ist mit Amateurmitteln eine Naeherung dieser Art von MTF-Messung, die im Prinzip die theoretische Abbildung aus der Spotgroesse (siehe L-RC51 Redcat spots) validiert. Das geht fuer die Astrofotografie in die richtige Richtung.
Das Naechstbeste was man IMHO machen kann, ist sich eine representative Anzahl von Bildern auf Astrobin in voller Aufloesung genau anzuschauen, um sich selber ein Bild zu machen, wie solche Astrographen im Feld abbilden. Dabei muss man halt mit einpreisen, dass man dabei nur sieht, ob die verbleibenden Off-Axis-Aberrationen tatsaechlich groesser sind als die anderen Limitierungen wie Seeinglimit und Nachfuehrfehler. Aber falls das der Fall ist, naja dann ist der Astograph ja ebenfalls qualitativ vollkommen praxistauglich und das ist was am Ende zaehlt.
Ich denke gerade darueber nach fuer Astrofotografen ein "polychromatisches Strehlrepellent" in der praktischen Spruehdose zu vermarkten, das wird sicher ein Hit....

CS & frohes Spruehen