Hallo zusammen,
nach Durchsicht dieses Threads – und der wiederholten Empfehlung, doch nach Österreich auszuweichen – möchte ich hier mal meine Gedanken als Einwohner der gelobten Alpenrepublik mit Euch teilen.
Grundsätzlich finde ich die Gedanken und Sorgen zu den rechtlichen Aspekten – ob es denn zulässig sei, die Nacht irgendwo in der Pampa zu verbringen – reichlich bizarr. Als Österreicher, wohlgemerkt, wären mir solche Gedanken noch nie untergekommen, solange es öffentliches Gut betrifft und nicht etwa Privatgrund.
Natürlich macht es einen wesentlichen Unterschied, ob man ortsansässig und ortskundig ist, oder nicht. Ich bin in der Stadt aufgewachsen (hilft, was die Wurstigkeit anbelangt, was andere über mein Tun oder Lassen denken) und lebe nunmehr am Land, wo die Uhren hinsichtlich Vorschriften doch wesentlich anders ticken und Gesetze noch mit Hausverstand angewendet werden – oder auch gar nicht.
Natürlich ist das lokal unterschiedlich: In ausgewiesenen Tourismusgebieten wie Tirol bekommen die Einheimischen nach der Saison schon mal den Touristenkoller und reagieren privat allergisch und unwirsch auf die devisenbringenden „Piefkes“… Das fällt dann in die Kategorie „milieubedingte Unmutsäußerung“ und ist meist nicht persönlich bzw. nachtragend gemeint.
Dass sich jedoch jemand darüber beschweren würde, wenn jemand nachts z.B. auf einem Kehren-Parkplatz einer Paßstrasse ein Fernrohr aufbaut und fotografiert – oder gar die Polizei ruft – das halte ich doch für arg abwegig. Vielmehr – und das ist meine Erfahrung – erntet man Interesse, wenn sich nachts zufällig mal jemand in die Nähe verirrt.
Als Ausländer würde ich gemeinsam mit einem Einheimischen, der das gleiche Interesse teilt, die ersten Nächte vor Ort verbringen. Falls doch jemand in der Nacht kommt und fragt, kann man sich dann auf den XY, der einem diesen Platz gezeigt hat, verweisen.
Campieren (Zelt aufbauen) oder dergleichen sollte man jedoch nicht.
Zu den anderen Aspekten hier im Thread (was kann passieren, Sicherheitsthema) meine Erfahrungen:
In abgelegenen Gegenden ist die Natur allgegenwärtig – d.h. mit dem empörten Bellen der Rehe ist immer zu rechnen, ein unvermitteltes Rascheln in der Nähe (Hase, Igel, Marder, etc.) darf einen nicht schrecken und es kann auch schon mal passieren, dass eine Fledermaus im wiederholten Tiefflug deutlich näher kommt, als man sich das wünscht.
Insbesondere bei der Heimfahrt am frühen Morgen sollte man im Straßenverkehr tunlichst auf das Wild Acht geben (eigene Übermüdung!).
Aber das macht auch den besonderen Reiz aus, einmal Fuchs oder Uhu in freier Wildbahn sehen zu können.
Die menschlichen Besucher sind nachts üblicherweise nicht vorhanden, solange man nicht extrem auffällig mit der Stirnlampe in der Gegend herumleuchtet (Rotlicht verwenden!) oder mit aufgeblendetem Fernlicht suchend auf Feldwegen herumkurvt. Meine nächtlichen Erlebnisse aus 5 Jahren Astrofotografie im ländlichen Oberösterreich (je nur 1x passiert):
- Der örtliche Jäger schaut vorbei und äußert seine Sorge, dass ihm ein Wilderer seinen Bock schießen will. Verabschiedet sich freundlich nach kurzer Klärung, was ich hier mache.
- Ein PKW hält an der Feldwegeinfahrt an der ich fotografiere – aufgrund der Dunkelheit und des Abstandes von ca. 150m nimmt er mich nicht wahr. Er wartet einige Zeit im PKW, steigt dann aus, öffnet den Kofferraum und entnimmt mutmaßlich Müllsäcke zur illegalen Entsorgung am Wegrand. In diesem Moment mache ich mich durch Licht und Rufe bemerkbar, worauf der Unbekannte seine Gegenstände hastig wieder einlädt und rasch das Weite sucht.
- Etwas abseits einer Bundesstraße steht ein einzelnes Windrad, das ich von unten mit der Milchstrasse im Hintergrund fotografieren will. Fahre dazu um ca. 0 Uhr in den unbefestigten Weg, der zum Windrad führt, und treffe dort auf eine geparkten VW-Bus. Offenbar störe ich ein geheimes Schäferstündchen oder ein dubioses „Kofferraumgeschäft“. Mir ist sehr mulmig zumute und ich bin erleichtert, als der Bus ob meiner Anwesenheit fluchtartig die Szene verläßt.
Merke: In urbaner Nähe oder an stark befahrenen Straßen ist es besser nicht empfehlenswert, sich nachts aufzuhalten! Besser man sucht sich einen Platz, an den sich auch bei Tag kaum jemand verirrt.
- An so einem völlig abgelegenen Platz sehe und höre ich um ca. 0 Uhr eine ganze Gruppe Menschen, welche sich auf der Straße zu Fuß auf mich zubewegt. In etwa 200m Entfernung mache ich durch Schwenken meiner Stirnlampe auf mich aufmerksam und bin auf die Reaktion gespannt. Die Gruppe besteht aus Jugendlichen, deren Betreuer die Aufgabe gestellt haben, das Handy mal beiseitezulegen und den dunklen Nachthimmel durch eine Nachtwanderung zu erleben. Einer der Betreuer ist sehr interessiert und wir plaudern eine Weile, bevor er der weitergezogenen Gruppe nacheilt.
- Ein Traktor fährt an meinem Beobachtungsplatz vorbei. Der auf der Ackerschiene stehende Passagier läßt vermuten, dass der Lenker den Feldweg als sog. „Promillestrasse“ für seinen Nachhauseweg gewählt hat, um einem allfälligen Zusammentreffen mit der Polizei vorbeugend aus dem Wege zu gehen. Man grüßt durch Handzeichen im unausgesprochenen Einvernehmen, nichts gesehen zu haben.
- Mehrere Schüsse gellen in kurzem Abstand durch die Nacht. Ich notiere mir Uhrzeit und Richtung, aus der die abrupte Ruhestörung zu kommen scheint und hoffe, dass ich morgen von keinem Gewaltverbrechen in den Nachrichten lese. Ich vermute, dass jemand seine mutmaßlich illegal besessene Pistole ausprobiert hat und sollte Recht behalten: Es war wohl das, was man landläufig als „Gaudischießen“ bezeichnet.
Was ich hier nicht aufgelistet habe sind die fleißigen Landwirte, die manchmal auch mitten in der Nacht mit Mähdrescher, Güllefaß oder Mähwerk ihre Runden ziehen. Die bemerken dich jedoch aufgrund der Entfernung gar nicht.
Ich denke, diese Schilderungen geben einen Eindruck, wie man hier in Österreich "tickt" und was man erwarten kann bzw. was nicht.
LG
Christian