Altes Glas und seine Mystik ...
Hallo,
hm, das mit den Vergütungen ist aber weniger eine Frage des reinen Alters als des "Zerputzens" der Schichten in Folge der langen Nutzungszeit.
Ich habe im eigenen Bestand Objektive aus den Jahren ab ca. 1935, die noch eine sehr einfache und empfindliche Blauvergütung haben. Dabei sind einige, bei denen diese Schicht partiell schon weggeputzt ist (nur noch eingeschränkt brauchbar und auf dem Durchmarsch), andere sind nach wie vor auch unterm Mikroskop perfekt und kratzerfrei glatt. Das liegt wohl auch an den Umwelteinflüssen, ob der Nutzer geraucht hat, Feuchtigkeit, Lagerungsbedingungen usw... Echte Vergütungskiller scheinen die früher im Möbelbau verwendeten Lösungsmittel zu sein, berichtete mir ein Freund, der das von einem Reparaturbetrieb haben wollte, man könne das mit einer Kraterlandschaft vergleichen, wenn die Schichten z.B. Formaldehyd ausgesetzt gewesen seien. Die Beobachtung ist rein empririsch und ohne nähere Detailkenntnis der seinerzeit verwendeten aufgedampften Schichten und ihrer Chemie.
Was die Linsenqualität angeht, mein absolut schärfstes KB-Objektiv ist ein Zeiss Flektogon 2.8/35mm aus der Nachkriegszeit aus Jena. Dagegen ka..t sogar ein vergleichsweise modernes Canon FD locker ab. Ich denke, da ist kein Alterungseinfluß festzustellen.
Dein Hinweis auf das Fließen von Glas wurde in mehreren Threads bereits in den Bereich der Fabel verwiesen, in technisch relevanten Größenordnungen ist dies unter den für unsere Optiken üblichen Umgebungsbedingungen nicht zu verzeichnen.
Es ist nach herrschender akademischer Lehre zulässig, Glas als amorphen starren Körper anzunehmen. Sagt meine Werkstoffkunde-Vorlesung, sagen die entsprechenden Optik-Lehrbücher und Vorlesungsskripte, sagt alle hier vorliegende Erfahrung aus den Diskussionen im Kollegenkreis.
Glas hat unstrittig (wie viele Metalle auch) die Eigenschaft, unter Spannung geringfügig und in langen Zeiteinheiten zu fließen, da keine scharfe Grenze zwischen elstischer und plastischer Verformung gegeben ist, das kann man an alten Glasregalen feststellen, bei denen die im Vergleich zur äußeren Abmessung dünnen und über vergleichsweise weite Strecken frei tragenden Tafeln unter der dauernden Last durchgebogen sind.
Bei korrekt und spannungsfrei gefaßten optischen Elementen sind solcherart Verformungen bei den bei uns vorkommenden Glasmassen und Massenkräften von irrelevanter Größenordnung.
Ein Thema wird das erst wieder bei den tonnenschweren Spiegeln klassischer Teleskope, bei denen solche Effekte schon in einschlägigen Publikationen berichtet wurden, daher unter anderem auch die Tendenz zu dünnen, elastischen Spiegeln mit aktiver Unterstützung (in Verbindung mit adaptiver Optik).
Bei den berichteten Effekten handelte es sich aber nicht um bleibende Erscheinungen sondern um lageabhängige Verformungen, die in Grundstellung des Teleskops wieder zurückgingen. Dies spricht für eine elastische Reaktion der großen Glasmassen auf die lageabhängig variablen Gewichtskräfte und gegen die Theorie eines fließenden Körpers.
CS
J.