Euclid

Hab ich jetzt echt erst gelesen "ab zum carneval"..... Soooviel aufwand nur damit das ding beim gaudiwurm mitfahren darf... Aber carneval war ja schon.
 
Die "red tags" mit dem "remove before flight" Text werden entfernt, Euclid wird in die Oberstufe integriert, und am Freitag ist der roll-out zum space launch complex 40 (SLC-40).

Die erste Stufe kann nun doch aufgrund besseres Treibstoffmanagements auf einem drone ship landen, daher wohl auch das nur 15 Sekunden lange Startfenster, aber das ist nur meine Vermutung. Die zweite Stufe bringt Euclid dann zunächst in einen low-earth Orbit, bevor sie kurz vor Afrika erneut zündet um Euclid in den transfer-Orbit zu L2 zu bringen. Ein erstes Korrekturmanöver seitens Euclid gibt es nach zwei Tagen.

Den Start könnt ihr hier mitverfolgen (der SpaceX stream wird da eingebettet sein):
https://www.esa.int/Science_Exploration/Space_Science/Euclid/How_to_follow_the_Euclid_launch_live

Eine 3D Visualisierung der Starttrajektorie gibt es hier:

https://flightclub.io/result/3d?llId=49d20d1b-18dd-4da6-a061-eacd0156fcc4

In Canaveral werden 550 am Projekt beteiligte Wissenschaftler teils mit Familien privat anreisen, in Darmstadt (ESA control station) werden es ca 300 sein, anderswo in Europa wird es zahlreiche weitere Veranstaltungen geben.

Zum Vergleich: Innerhalb von nur 3-4 Tagen wird Euclid mehr Fläche beobachten als Hubble in den 30 Jahren seines Bestehens. Tiefe: 26.2 AB mag im optischen, und 24.4 AB mag in den drei nah-infraroten Filtern (jeweils 5-sigma Detektionen für Punktquellen).

Euclid website

mischa
 
Der Start wird von Canaveral sein, da gibt es genug Plätze zum gucken und Hotels zum ausharren. Ob wir in den Kontrollraum dürfen weiss ich nicht.
Ich habe den Thread nochmal überflogen, und auf eine Frage keine Antwort gefunden:
Mischa, was machst DU denn überhaupt bei dem Projekt?

Du bist ja laut deiner Bio am MPIA in Heidelberg.
Also für Beobachtungsprogramm und Datenanalyse zuständig?
Oder auch was mit Hardware? :unsure:

Fragt...
Thorsten
 
Euclid ist eigentlich ein merkwürdiger Name für die Expedition - schließlich geht es um die Untersuchung der nicht-euklidischen Raumzeit. ;)

Thomas (SCNR)
 
Bisher alles perfekt gelaufen! In ca. 20 Minuten "Payload deployment".

Thomas
 
Der Start hat übrigens geklappt, die Sonde ist auf dem Weg zum SE-L2.
Fehlt "nur" noch in 20 Minuten die Abtrennung der Sonde von der Oberstufe.
 
Wenn die Qualität der Euclid Bilder "comparable to Hubble" ist, und Euclid in drei oder so Tagen soviel Universum beobachtet wie Hubble in seiner gesamten Betriebszeit, wozu braucht man denn dann Hubble überhaupt noch?
 
An den Falcon 9 Experten: Bin überrascht, dass man keine Falcon Heavy benötigt. Ist Euclid so leicht? ?

Thomas
 
Ich habe den Thread nochmal überflogen, und auf eine Frage keine Antwort gefunden:
Mischa, was machst DU denn überhaupt bei dem Projekt?
Hi Thorsten, meine Rolle ist die des "Euclid calibration scientist". Ich habe den Kalibrationsplan erstellt der etwa 20% der Gesamtmissionszeit ausmacht, und ueber den hoffentlich sichergestellt wird, dass jederzeit genau bekannt ist, wie sich die Flughardware unter Weltraumbedingungen veraendert, d.h. elektronisch, auf Detektorebene, thermisch, und optisch. Fuer Euclid sind selbst kleinste Aenderungen kritisch, da haben wir viel neu entwicklen muessen.

Momentan wird Euclid 10 Tage lang ausgeheizt, so dass moeglichst viele fluechtige Stoffe - zumeist Wasser - aus dem Satellit verschwinden und sich nicht als Eis auf der Optik absetzen. Danach folgen 3 Wochen "commissioning", da testet die Industrie dass alles so funktioniert wie es soll, so dass sie ihren letzten "paycheck" bekommen. Anschliessend sind 4 Monate Kalibration und Performanzmessung angesagt, in der alles aktualisiert wird, und geprueft, ob Euclid mit den geplanten Beobachtungen auch wirklich seine wissenschaftlichen Ziele erreichen kann. Im Grunde habe ich gesagt "ich will das und das weil so und so", und 50 andere Leute haben dann mitgeholfen das zu realisieren.

Das waere die Ultrakurzfassung.
 
Wenn die Qualität der Euclid Bilder "comparable to Hubble" ist, und Euclid in drei oder so Tagen soviel Universum beobachtet wie Hubble in seiner gesamten Betriebszeit, wozu braucht man denn dann Hubble überhaupt noch?
Hubble hat ganz andere Instrumente an Bord, z.b. mit hoeherer raeumlicher und / oder spektraler Aufloesung. Ausserdem ist Euclid unterhalb von etwa 520nm komplett blind, und zwar "per design". Die blauen Photonen wuerden nur stoeren.
Hubble ist ein flexibles "allround" Teleskop das sehr viel kann, aber nur in sehr kleinen Gesichtsfeldern. Euclid kann im Vergleich nur sehr wenig, Bilder in 4 verschiedenen Wellenlaengenbereichen und Spektren in zwei Wellenlaengenbereichen... das aber in unerhoerter Menge und mit extremer Genauigkeit.
 
Unspektakulär... Typische Falcon9-Routine. Aber immer wieder schön.

CS Jörg
 
Ich meinte Mischa mit der Frage. Er war doch live dabei, oder?
Und live ist so ein Start NIE unspektakulär. Erst recht nicht wenn der eigene Satellit da drin sitzt.
Zumindest nehme ich das an, leider hatte ich noch nie dieses Vergnügen.

Gruss
Thorsten
 
Krass, ganz anders sls erwartet. War etwa 10s früher als der spacex livestream. Das wurde zwar angekündigt, hat aber trotzdem viele überrascht. Was mich am meisten beeindruckt hat war der Abgasstrom, der ist so hell dass er selbst bei vollem Sonnenschein blendet. Das kommt in den Videos nicht rüber. Das Wetter war perfekt, keine Wolke. Die Entfernung war zwar ca 7km aber als die F9 erst mal in der Luft war hatten das alle vergessen. Näher dran bräuchte man fast schon einen Gehörschutz, das ist schon sehr laut und geht richtig auf den Magen, hätte ich nicht gedacht.
 
SpaceX ändert viel in letzter Minute. Wir hatten gehört dass diese F9 bereits 4 mal geflogen und damit "gut eingefahren" wäre, aber sie flog erst das zweite mal. Die Trajektorie hat auch etwas überrascht. Wir hatten die 2. Zündung der zweiten Stufe die Euclid aus der Umlaufbahn nach L2 befördert erst kurz vor Südafrika erwartet aber sie kam bereits auf halbem Weg dahin.
Der Start hätte fast nicht stattgefunden. Der launcher hätte gegen 23:00 in der Nacht davor in eine senkrechte Position gebracht werden sollen. Die ganzen VIPs - ohne mich - wurden extra hingekarrt, dann hieß es plötzlich "problem" und alle wurden ohne weitere Angaben wieder heimgefahren. Offenbar hatte die Hebevorrichtung nicht funktioniert. SpaceX hatte dann in der Nacht noch 4 Stunden dran gearbeitet und um 4 Uhr morgens stand die F9 dann senkrecht. Das ginge so "on the fly" bei den öffentlichen wie NASA und ESA niemals, da müssten alle Prozeduren und fixes erst mal mehrfach zertifiziert werden, laut meinen Kontakten mindestens 1 Woche.
 
Meine größte Sorge ist Wassereis auf den Optiken durch ausgasen. Daher hatte ich vorgeschlagen vor dem Start die "Fairing" - das dicke obere Ende der Rakete - 90 min mit gssförmigem Stickstoff oder GN2 zu spülen. Das wurde dann aber als zu riskant abgelehnt wg dem Risiko statischer Entladung. Dann wurde gereinigte Luft in Erwägung gezogen, hatte sich aber herausgestellt dass GN2 zehn mal weniger Partikel enthält was SpaceX nicht wusste. Da haben sie kurzerhand freiwillig auf GN2 umgestellt und 4 Stunden lang gespült, bis zur letzten Sekunde als die F9 abhob. Wenn der launcher nicht das Problem mit dem aufrichten gehabt hätte, hätten sie sogar 6 Stunden gespült. Davon wusste ich alles nichts, ging von ganz alleine. Ich war sehr positiv überrascht. Normalerweise würde so etwas komplett abgelehnt werden weil die Countdownsequenzen sehr komplex mit vielen Abhängigkeiten sind, da werden keine Extrawünsche berücksichtigt wenn es nicht gleich im Vertrag drinsteht. Wo das Problem mit der statischen Entladung hinverschwunden ist... keine Ahnung.
 
Euclid_encapsulated_in_Falcon_9_fairing_pillars.jpg

Credit: ESA / SpaceX
https://www.esa.int/ESA_Multimedia/Images/2023/06/Euclid_encapsulated_in_Falcon_9_fairing2

Die Fairing wird bei SpaceX übrigens auch wiederverwendet. Die landet per Fallschirm und zusätzlichem Steuerdrachen. Für Euclid wollte die ESA aufgrund der sehr hohen Reinheitsanforderungen eine neue fairing haben, es dürfen keinerlei "silicones" verwendet werden etc, da die ausgasen und ganz übel für Optiken sind. SpaceX hatte die Zertifizierung zweimal verfehlt. Das euclid logo hatte sich die ESA zw 60 und 100 kEUR kosten lassen. Spezialfarbe, spezielle Zertifizierungen etc. Da diese fairing wiederverwendet wird, wird man das Euclid Logo auf weiteren 15-20 F9 Starts sehen können. Das ist sowohl für uns als auch für SpaceX eine tolle Werbung ;)
 
Super Mischa dass du uns an deinen Erlebnissen teilhaben lässt!

Was mich am meisten beeindruckt hat war der Abgasstrom, der ist so hell dass er selbst bei vollem Sonnenschein blendet.
Das wurde mir auch schon erzählt. Mein Bruder war 1997 bei Cassini, und sagte die Flamme wäre so hell wie bei einem Schweißbrenner. Macht auch Sinn, denn so eine Rakete ist ja im Prinzip nix viel anderes... ;)

Näher dran bräuchte man fast schon einen Gehörschutz, das ist schon sehr laut und geht richtig auf den Magen, hätte ich nicht gedacht.
Auch das wird allgemein gesagt. Aber "von Hörensagen" und "Selberhören" sind halt schon zwei verschiedene Dinge. :affeohren:

Die Trajektorie hat auch etwas überrascht. Wir hatten die 2. Zündung der zweiten Stufe die Euclid aus der Umlaufbahn nach L2 befördert erst kurz vor Südafrika erwartet aber sie kam bereits auf halbem Weg dahin.
Wenn ich das richtig im LiveStream gesehen habe, dann ging die Flugbahn (Startazimut) relativ steil nach Süden, und die zweite Zündung war dann schon korrekterweise über dem Äquator, aber halt vor der Küste von Südamerika statt von Afrika. Vermutlich haben sich da irgendwie wegen der Nähe zur Sommersonnenwende Erdbahnneigung und Startplatzbreite addiert. Oder so. Keine Ahnung. Aber die Bahn war nicht so wie in dem Link zu "flightclub.io" weiter oben von dir angegeben.

Meine größte Sorge ist Wassereis auf den Optiken durch ausgasen. Daher hatte ich vorgeschlagen vor dem Start die "Fairing" - das dicke obere Ende der Rakete - 90 min mit gssförmigem Stickstoff oder GN2 zu spülen. Das wurde dann aber als zu riskant abgelehnt wg dem Risiko statischer Entladung. Dann wurde gereinigte Luft in Erwägung gezogen, hatte sich aber herausgestellt dass GN2 zehn mal weniger Partikel enthält was SpaceX nicht wusste. Da haben sie kurzerhand freiwillig auf GN2 umgestellt...
Das war sicherlich keine schlechte Idee. Warum "gereinigte Luft" elektrostatisch besser sein soll als GN2 erschließt sich mir nicht, ausser die "Reinigung" würde nicht den Wasserdampf mit einschließen, aber dann wäre es ja wieder witzlos. Das mit der statischen Entladung, klar, wenn es so furztrocken ist wie gewünscht, dann besteht natürlich diese Gefahr, aber wenn alles (inkl. dem Rohr durch das das GN2 hereinströmt!) "properly grounded" ist, dann sollte doch eigentlich nix passieren... :cool:

Davon wusste ich alles nichts, ging von ganz alleine. Ich war sehr positiv überrascht.
Tja, SpaceX ist halt SEHR routiniert... :)

Da diese fairing wiederverwendet wird, wird man das Euclid Logo auf weiteren 15-20 F9 Starts sehen können. Das ist sowohl für uns als auch für SpaceX eine tolle Werbung
:ROFLMAO::y:

Viele Grüsse aus dem fernen Europe
Thorsten
 
Auf der after-launch Party hatte ich Zerr, die SpaceX Euclid mission manager getroffen. 32 Jahre alt, hat sie bereits 20 Projekte für SpaceX gestartet hat. Unglaublich, wenn ich dran denke was ich im Vergleich in dem Alter gemacht habe. Die sind alle extrem jung und engagiert, es wird aber auch eine enorme Arbeitsleistung und rund-um-die-Uhr Bereitschaft erwartet. Manche verbringen ihren 2-wöchigen Jahresurlaub daher auf einem Kreuzfahrtschiff möglichst weit weg, z.b. Neuseeland, so dass sie nicht zurückbeordert werden können. Bahamas reichen offenbar nicht, da in "Hubschrauberreichweite" (meine persönliche Spekulation).
Für SpaceX war Euclid übrigens eine der größten Herausforderungen bisher. Was die Flugbahn angeht, die extremen Reinheitsanforderungen, der Zeitplan uvm. SpaceX meinte im Juli 2022 dass sie am ersten Juli 2023 starten könnten. Und genau das haben sie geschafft, obwohl da die Verhandlungen und Planungen etc noch nicht mal begonnen haben. Normalerweise dauert sowas laut Zerr 4 Jahre. Sie hatten zwar für die NASA ein paar kleinere wiss. Missionen gestartet hauptsächlich aber nur kommerzielles Zeug, comm sats und Frachten zur ISS. Eine 1.4 MRD flagship mission wie Euclid, noch dazu für die ESA, war da schon ein Aushängeschild für das sie sich sehr anstrengen wollten. Wir hätten ihnen sogar Leid getan nachdem Soyuz und Ariane 6.2 als launcher weggebrochen waren, und wollten u bedingt helfen :cool:
 
Zurück
Oben