Hallo Sternfreunde,
Nach Jahren des reinen Lesens melde ich mich nun erstmals zu Wort, daher erst mal einen schönen Gruß ins Forum.

Auch wenn ich selbst keinen Zambuto-Spiegel besitze, habe ich schon mehrmals in D und den USA (bei kleineren Starpartys) damit beobachten können. Sie sind keine abgehobene Welt für sich, aber doch stets merklich einen Tick besser.
Ich habe bei diesen Gelegenheiten mehr beobachtet als verglichen.
Die Deep-Sky-Objekte, vor allem PNs, zeigten aber klar mehr Struktur als bei den anderen Dobsons am Platz (u.a. Galaxy Optics), und mindestens zwei davon waren deutlich größer. Die Nebel waren dort heller, aber weniger detailliert. Auch am Jupiter war der Unterschied vorhanden, gut sichtbar an den feinen, weißlichen "Schleiern", welche die Äquatorialbänder durchsetzen, und den verästelten Wirbeln am Rand der Bänder. Das hatte ich vorher so noch nie gesehen. Seitdem mache ich mir Gedanken darüber.
Zambuto ist nicht Copperfield, es muss eine logische Erklärung geben. Seine Spiegel sind hochwertig, das sind andere aber auch. Er legt bekanntlich großen Wert auf Glätte, aber kann es wirklich daran liegen? In den Internetforen gibt es viel darüber zu lesen und das Spektrum der Meinungen ist riesig. Mitunter geht es dann sogar unter die Gürtellinie. Ich sehe das ganz nüchtern: Wenn man Turbulenzen, Dejustage, etc. als Fehlerquellen ausschließt und die Mikrorauhigkeit der
einzige Unterschied zwischen Optiken ist, dann ist sie auch die einzige in Frage kommende Ursache für Unterschiede im Bild. Mir kommt dabei Merkur und die Geschichte um seine Periheldrehung in den Sinn: Nach deren Entdeckung wurde verzweifelt nach einer Ursache (einem unbekannten Planeten) gesucht, tatsächlich aber war die Theorie ... nein, nicht falsch, Newton gilt auch heute noch. Sie war nur zu einfach und ging nicht weit genug. Mein Vorschlag ist daher, sich der Sache versuchsweise von der anderen Seite zu nähern. Also mal nicht darüber nachdenken,
ob Rauhigkeit die Bildqualität schädigt, sondern nur,
wie sie es tut.
Nahezu alle, die einen maßgeblichen Einfluss von Mikrorauhigkeit bezweifeln, stützen sich auf die gleichen Argumente: "Wenn der Interferometer-Strehl nur hoch genug ist, bleibt kein Raum für einen gefährlichen Fehler" und "Der Rauhigkeitsfehler ist bedeutungslos, weil er von den größeren Fehlern überlagert wird". Das klingt sehr vernünftig - aber es setzt Fehler
größe und Fehler
wirkung gleich. Und bei der visuellen Beobachtung ist das meiner Ansicht nach fundamental falsch!
In der wissenschaftlichen Astronomie wird seit hundert Jahren nicht mehr beobachtet. Hubble müsste eigentlich "Hubble Space Camera" heißen. VLT? VLC! Es wird nur noch photographiert, spektrometriert, photometriert. Überall hängen digitale Empfänger an den Geräten. Diese arbeiten strikt linear,
hier stimmt die Betrachtungsweise. Die Modelle, die zur Spezifikation von Forschungsinstrumenten benutzt werden, sind daher wenig kompliziert. Aber das Auge ist kein CCD und das Gehirn ist kein Computer. Alles was mit unseren Sinnen zu tun hat, ist in höchstem Maße nichtlinear und in weiten Teilen gar nicht beschreibbar. (Nebenbei: Aus diesem Grund kommt die Forschung an künstlicher Intelligenz nicht wirklich voran, es gelingt nicht, menschliche Gedanken als Software - also mathematisch - zu formulieren.) Wichtig scheint mir die Erkenntnis, dass Fehlergröße ("Strehl") und Fehlerwirkung ("Bildqualität") durch diese Nichtlinearität entkoppelt sind und zwischen dem Einen und dem Anderen kein eindeutiger Zusammenhang besteht. Keineswegs möchte ich auf eine mystische "Glätte jenseits der Messtechnik" hinaus. Messen kann man prinzipiell sehr genau, das stelle ich nicht in Abrede. Der RMS bzw. Strehlwert gibt aber nur den Fertigungsfehler an, dessen Auswirkungen beschreiben kann er nicht. Die MTF hat dann - wie alle linearen Modelle - dieselbe Einschränkung.
Die laufende Diskussion verortet den Fehler bei wenigen Promille. Einverstanden, bleiben wir mal dabei und machen ein Gedankenexperiment. Ich habe es von einem tschechischen Sternfreund, es geht mir nicht mehr aus dem Kopf, da ich keinen Fehler darin finde.
Angenommen, wir haben einen Zwölfzöller, der keinerlei Störung hat, bis auf etwas Mikrorauhigkeit. Sie bewirkt, dass 4 Promille des Strahlungsstroms einer jeden Punktlichtquelle in einen Streukreis von einem halben Grad Radius geworfen werden. Das bedeutet, vom Beugungsscheibchen werden 0,4% abgezweigt und leuchten einen Kreis aus, der im Okular bei 7mm AP (V=43x) den doppelten Durchmesser des mit bloßem Auge gesehenen Mondes hat. Ich bin nicht sicher, wie realistisch dieser spezielle Fehler ist; also bevor sich jemand, der's besser weiss, beschwert: Es geht hier nur um die Veranschaulichung. Und natürlich ist alles Andere, (Obstruktion, Beschichtung, Okular, Justage, etc) in diesem Gedankenspiel völlig gleich.
Jetzt ist ein kleiner Einschub vonnöten: Der Dreiecknebel M33 ist ca. 5.8mag hell, hat rund ein Grad Durchmesser und ist bei stockdunklem Landhimmel grenzwertig sichtbar, die Wega bringt es auf 0mag, das ist, wenn ich mich nicht verrechnet habe, ungefähr der 250fache Strahlungsstrom. 300mm Öffnung bringen circa log([300mm/7mm]^2)*2,5 Größenklassen Gewinn, abgerundet 8 Magnituden.
Ziel der Beobachtung ist ein hauchzarter Reflexionsnebel, der in eine Gruppe 8mag heller Sterne eingebettet ist.
Und jetzt wird's spannend: Das Fernrohr "verstärkt" die Sterne um 8 Magnituden, das Okular ist nun voller "künstlicher Wegas". Und um jede von ihnen - die vier Promille reichen ja dafür - liegt ein "künstlicher M33", allein erzeugt durch die Rauhigkeit. Diese schwachen Halos liegen neben- und übereinander, sie verschmelzen miteinander und überlagern sich - und werden dadurch unsichtbar. Der Himmel wirkt nach wie vor dunkel, obwohl er aufgehellt ist. Denn hier kommt eine Besonderheit unserer Sinne zu tragen: Sie "normieren" sich über homogene Reize. Deswegen riecht der Bauer seinen eigenen Misthaufen nicht und nimmt ein Strandhausbewohner das Meeresrauschen irgendwann nicht mehr bewusst war. Der Spiegel erzeugt mit seinem winzigen Fehler seine eigene Lichtverschmutzung; der Kontrast zwischen Himmelshintergrund und den feinen Nebelfilamenten rutscht unter den Reizschwellenwert des Auges, der mit zunehmenden Hintergrundreiz immer weiter ansteigt - und der Nebel ist weg.
Mehrere Astrophotographen haben mir bestätigt, dass eine Digitalkamera dagegen überhaupt kein Problem damit hätte.
Und jetzt kommt der Hammer: Würde man die Optik mit absoluter Genauigkeit vermessen (was nur hypothetisch möglich ist) käme man auf rund 99.5 Strehl.:hochachtung: Doch weil der minimale Restfehler eine "bösartige" Charakteristik hat, reicht er aus, die Bildgüte stark zu degradieren und Objekte, die eigentlich in Reichweite sind, zu "verlieren", was in dieser speziellen Beobachtungssituation Totalversagen der Optik bedeutet. Gut möglich, dass eine Aberration, die stattdessen mehr Licht über nur kleine Winkel verschiebt, viel weniger Schaden anrichten würde. Zum Beispiel ein klassischer Kugelgestaltsfehler, der vielleicht 10-15 Strehlpunkte kostet. Ein Großteil der Verschiebung würde dann wohl sogar innerhalb des Seeingstreukreises stattfinden. Wenn das stimmt, wäre dieser Spiegel dann visuell besser, trotz (aber nicht wegen) weniger Strehl. :augenrubbel: Die Feststellung, dass große Spiegel eine etwas höhere Obstruktion (die ja im Grunde eine Art Zonenfehler auf niederer Ordnung ist) ohne nennenswerte Kontrasteinbuße vertragen, passt gut zu dieser Idee.
Das Ganze ist frei skalierbar: Bei einem Achtzehnzöller würden 9mag-Sterne den gleichen Effekt haben. Ein richtig heller Stern im Feld würde irgendwann eine erkennbare Aufhellung verursachen - und tatsächlich. Bei meinem Meade Starfinder, der an sich anständig abbildet, habe ich genau diesen Eindruck.
So, und nun? Liege ich richtig oder habe ich mich verfranzt? Ich versuche nur, mir selbst die Zusammenhänge zu erklären und will meine Gedanken nicht als unumstößliche Wahrheit verstanden wissen. Vielleicht können sie als Denkanstoß dienen. Ich beschäftige mich damit, weil ich nach 15 Jahren mehr oder weniger intensiver Hobbyastronomie nun nach meinem "endgültigem" Fernrohr suche, wodurch sich die Qualitäts- und damit auch Geldfrage stellt. Und so Einiges von dem, was in den Foren offenbar Konsens ist, passt nicht zu meinen Erfahrungen. Ich hoffe, dass mein etwas lang geratenes Einstandsposting nicht ermüdend wirkt.
Gruß und Klaren Himmel,
Jens