Hallo ins Rund,
irgendwie kommt mir die Diskussion so vor, als würden die visuellen Beobachter den Fotografen unterstellen, sie wären blind, hätten die visuelle Beobachtung verlernt oder die Befähigung verloren. Mit Verlaub würde ich beiden Parteien nun vorschlagen wollen, sie sollten sich vorstellen, sie wären tatsächlich unfähig zu sehen!
Könnten Sie ohne zu sehen ein Foto erstellen? Was hätten Sie davon?
Mal ganz im Ernst, wie geht es mir denn, wenn ich ein Objekt einstelle, um es zu fotografieren?
Richtig, vor der Fotografie steht immer die visuelle Beobachtung. Selbst die modernen, hervorragenden GOTO Montierungen, sind bei nicht ortsfest montiertem Teleskop kaum in der Lage absolut präzise zu arbeiten. Also steht vor jeder erfolgreichen Fotografie die Aufstellung des Teleskops, die Suche nach Referenzsternen, ein Blick durchs Okular. Hier kann ich bereits einschätzen, ob sich die Nacht lohnt, das Seeing im Okular an den Sternen einschätzen. Das Fokussieren der Kamera mit Live Bild an der Kamera erfordert ebenfalls einige Übung bei der visuellen Beobachtung, um das Bild einschätzen zu können. Sodann werfe ich einen Blick durchs Okular, um abzuschätzen, ob das Objekt, das ich fotografieren werde, überhaupt zentriert im Bildfeld liegt. In Nächten, in denen der Mond scheint, ist das zwar schwer, aber meist finde ich die Objekte doch irgendwie. Und was, wenn nicht? Dann muss ich mich irgendwie im Okular orientieren, z.B. mit einer Suchkarte. Blind ein Foto schießen, es visuell bewerten.
Mit anderen Worten, wenn ich nicht geübt bin, mich visuell am Himmel zu orientieren, Beobachtungsparameter abzuschätzen, werde ich kaum in der Lage sein, gute Photos zu machen.
Und ehrlich, ich beneide meine Kollegen heute nicht, die ihre professionellen Astrofotos mit manchem Großteleskop heute nur noch fix und fertig kalibriert aus einer Black Box bekommen, ohne den Bezug zum Himmel oder der Technik der Aufnahme erhalten. Erst gestern habe ich mir solche Aufnahmen aus einem Robotic Teleskop angesehen und mich geschüttelt. Ich würde aus solchen Aufnahmen niemals astrophysikalische Parameter extrahieren wollen. Wissend, wie solche Aufnahmen aussehen, wenn ich sie manuell kalibriere, würde ich einfach eine andere Kamera wählen. Ich bin also bereits dabei erneut visuelle Vergleiche bei der Qualität anzulegen.
Man kann über solche Automatismen geteilter Meinung sein. Meine ehrliche Meinung ist die: Ein Foto, das ich vorab selbst bewerte, weiß, wie es kalibriert wurde, und die visuellen Bedingungen einschätzen kann würde ich selbst bei einer Veröffentlichung immer seriöser und zuverlässiger einschätzen, als eine Aufnahme aus einer solchen Black Box. Es ist diese visuelle Bewertung und die Vergleichsmöglichkeit nämlich eine wichtige Hilfe für andere Beobachter, die meine Ergebnisse nachvollziehen wollen. Niemand sollte einer astronomischen Publikation "blind" vertrauen. Es sind in der Vergangenheit schon zu viele systematisch falsch gemessene Ergebnisse publiziert worden. Und es sind vermutlich auch einige Fakes im Internet gezeigt, deren Beobachtungsparameter eben nicht nachvollziehbar sind.
Wie wichtig ist die visuelle Beobachtung eigentlich?
Eine wichtige Grundvoraussetzung seit Galileo lautet: es gibt mehr als einen, der den Himmel genau so sieht. Erst unter solchen Umständen kann ich das Gesehene überhaupt für wahr halten. Die Saturnringe hatte man schließlich zu Galileis Zeiten noch für Hokus Pokus gehalten, obwohl(!) sich bereits mehrere Leute selbst ein Bild davon machen konnten, sich beim Blick durch das Teleskop selbst überzeugen durften! Dennoch war es schwer, selbst das Gesehene zu glauben. Es war nicht vorstellbar!
Das gilt freilich für Spektralbereiche, in denen wir blind sind, nicht mehr. Hier gelten zwar auch ganz andere Regeln. Doch was machen wir bei der Beobachtung in solchen Spektralbereichen, sei es das Infrarote, der Röntgenbereich oder der Radiobereich? Richtig, wir übersetzen die Daten in sichtbare Bilder, weil wir es von der visuellen Beobachtung her so gewohnt sind und es kaum anders interpretieren können. Letztlich sind wir sehende Individuen und machen uns immer ein Bild von allem - selbst von unseren Göttern. So sind wir zwar sehend, doch erheblich eingeschränkt in unseren intuitiven Möglichkeiten, die Welt zu erschließen. Was also ist selbst das Sehen wert, dass man hierüber streiten muss?
Ich muss selbst zugeben, in meiner Laufbahn als Astronom das eine oder andere nicht gesehen zu haben. Etwa die angeblich grünliche Farbe des Orionnebels, der mir immer grau erschien, selbst im Okular eines 2.2 Meter Teleskops. Auch blieb es mir bisher vergönnt, den Nordamerikanebel anders gesehen zu haben, als mit einer 40 minütigen Belichtung. Es gibt sogar seriöse Meinungen, die behaupten, man würde diesen Nebel gar nicht visuell erblicken, wenn man ihn nie zuvor auf einer Aufnahme gesehen hätte. Sie glauben es nicht? Vergleichen Sie Ihren Versuch, es jemandem zu vermitteln, er müsse diesen Nebel erblicken, mit dem Versuch Galileos, die Saturnringe glaubhaft zu machen! Ich habe selbst bei Führungen an Sternwarten erlebt, dass selbst Leute, die nach den dritten Mal durchs Okular nichts gesehen haben, zugaben, sie hätten es gesehen. Glauben Sie heute nicht mehr an die Inquisition? Dann finden Sie hier ein modernes Beispiel.
Beispiele für visuell falsch eingeschätzte Beobachtungen sind fehlende Objekte am Himmel in Messiers Katalog, aber auch in den NGC Katalogen. Die visuelle Beobachtung kommt also immer vor UND nach dem Foto, ist aber letztlich auch nicht zu 100% zuverlässig. Selbst die Glaubwürdigkeit einer visuellen Beobachtung ist stets zu bezweifeln. Viele Kollegen streiten zunächst mit sich und/oder anderen Kollegen, ob sie das Gesehene in einer Aufnahme für wahr nehmen können. Erst dann wird entschieden, ob etwas publiziert wird.
Bevor Sie sich also die Köpfe heiß reden, sollten Sie ferner bedenken, das Fotografen wie visuelle Beobachter einen Luxus genießen, der blinden Menschen fremd ist: Sie können sehen.
Stellen Sie sich einfach vor, sie würden jemandem die Augen verbinden oder er könnte nicht sehen und versuchen Sie ihm nun am Okular den Himmel zu erklären oder ihre Gefühle dabei zu vermitteln. Stellen Sie sich vor, sie geben diesem Menschen nun den Auftrag, ein Astrofoto zu machen.
Haben Sie auch schon einmal eine Störung Ihrer Sehfähigkeit am eigenen Körper erlebt?
Ich schon zweimal, um ehrlich zu sein. Ich kenne die Angst das Augenlicht zu verlieren und weiß heute, wie hoch ich diese Fähigkeit "visuell" beobachten zu können heute einschätze - obwohl ich heute in der Hauptsache digital fotografiere.
Herzliche Grüße
Thilo Bauer