klassische Nachtsichtgeräte am Sternenhimmel ... und etwas Technik

Hallo Henning,

ich kann natürlich nur für mich selbst sprechen.

Ich habe mir einen Restlichtverstärker angeschafft, weil er mir Beobachtungen ermöglicht, die mit klassischer Astronomie so entweder gar nicht oder nur mit einem enormen Aufwand möglich wären. Unter einem wirklich dunklen Himmel kann man mit einem Restlichtverstärker Objekte und Strukturen sehen, die selbst mit einem sehr großen Dobson – beispielsweise einem 40-Zöller – visuell nicht oder nur deutlich schlechter sichtbar sind. Besonders bei ausgedehnten H-Alpha-Nebeln eröffnet sich hier eine völlig neue Beobachtungswelt.

Gleichzeitig ist ein Restlichtverstärker für mich auch die effektivste Möglichkeit, unter lichtverschmutztem Himmel zu beobachten. Viele Nebel und großflächige Strukturen lassen sich damit von meinem Standort aus besser erkennen als mit einem klassischen Dobson. Das ist natürlich nicht für jedes Objekt so, aber für viele Deep-Sky-Objekte trifft das durchaus zu.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist für mich der praktische Aspekt. Meine Wohnung ist schlicht zu klein für ein großes Teleskop. Ein Restlichtverstärker benötigt dagegen kaum Platz und lässt sich an sehr unterschiedlichen Instrumenten einsetzen.

Außerdem kann man ihn auch handgehalten verwenden. Die Milchstraße mit sehr geringer Vergrößerung oder sogar bei 1x zu beobachten, ist bestimmt ein faszinierendes Erlebnis, das man mit keinem klassischen Teleskop in dieser Form nachbilden kann. Man bekommt gewissermaßen einen völlig neuen Blick auf den Himmel.

Natürlich sind weit über 10.000 Euro mit allen Zubehör, das man braucht, eine große Anschaffung. Ich habe lange darüber nachgedacht und die Entscheidung nicht leichtfertig getroffen. Ich bin allerdings in der glücklichen Lage, mir so etwas leisten zu können. Wenn das Geld bei mir nicht relativ locker sitzen würde, hätte ich die Anschaffung vermutlich ebenfalls nicht gemacht. Ich habe auf jeden Fall vor, mit dem Restlichtverstärker herumzureisen und anderen Sternfreunden die Blicke zu zeigen. Denn geteilte Blicke sind doppelte Freude.

Viele Grüße,
Leo
 
Hallo Leo,
Danke für die ausführliche Erläuterung.
Ich hatte schon gedacht, dass es eine Mischung aus den von Dir genannten Eckpunkten sein muss.
Geringe Vergrößerung und ha-alpha sind natürlich auch nochmal reizvolle Aspekte.

Wenn es um Anschaffungen geht, versuche ich immer die Kosten in ein greifbares Verhältnis zubringen,
beispielsweise Gesamtpreis der Astroausrüstung pro Beobachtungsnacht bei zehn Jahren Nutzung oder so ähnlich.
Oder sagen wir Preis pro selbst geschossenem Astrofoto, da wundert man sich schnell, was ein Bild kosten kann (ein Grund für mich visuell zu beobachten).
Nicht alles lässt sich in Geld aufwiegen, das ist ja auch klar. Ich finde es immer interessant, welche Beweggründe und persönliche
Umstände jemanden Entscheidungen treffen lassen, die ich so nicht treffen würde.
Ja, spannend. Und genau deswegen wäre ich dann natürlich einer von denen, die "auch mal" durchgucken wollen würden :)
Berichte mal ruhig weiter, wenn Du Dein Setup unterm Himmel hattest.

CS,
Henning
 
Hallo Leo,

Ich bin der falsche, dir auf die technischen Fragen zu antworten.
Ich kann dir demnächst berichten, welche Erfahrungen ich sammle mit:
- Nikkor 85mm Fotoobjektiv (ca. 3x Vergrößerung)
- 150 F4 Newton
- Baader CCD hAlpha 7nm
- Astronomik Pro Planet 642nm Bandpass Filter für Unterdrückung von Lichtverschmutzung

Hallo Henning,

Ich glaube, so rational kann man so eine Anschaffung nicht betrachten. Oder wenn du sie rational betrachten willst: lass es.
Ich kann dir nur sagen, dass mich die Idee den Berichten nach angefixt hat und mich die Beobachtung mit Marios OVNI B beeindruckt haben.
Ich habe am Wochenende aus dem Stadtrand von Tübingen heraus M13 mit dem 150 F4 Newton bei fast Vollmond betrachtet und sah mehr davon als mit meinem 10er Dobson an jeglichem Ort. Neben der sonst kaum möglichen hAlpha Beobachtung geht es mir genau darum: eine erhebliche Reichweitenverlängerung ohne größeres Gerät zu benötigen bei zusätzlich viel besseren Voraussetzungen bei schlechtem Himmel. Es soll mein APM 100 SD Großfernglas mit der unglaublich ästhetischen Abbildung ergänzen. Dieses werde ich künftig wohl nur noch unter gutem Himmel nutzen.
Die Betrachtung durch das NG finde ich weit ästhetischer als man meinen könnte. Ja, es ist anders. Aber ich finde es verdammt cool und ich will einfach kein großes Gerät. Und nur noch beidäugig.

CS,
Sven

Bearbeitet: es sollte natürlich heißen, ich finde die Beobachtung mit NG ästhetischer als man meinen könnte.
 
Zuletzt bearbeitet:
Ich bin sehr gespannt auf Deine Berichte!

Ich habe mir den OVNI-B auch gerade für Globular Cluster gekauft; mit meiner Lichtverschmutzung, kann ich die von meinem Balkon einfach nicht vernünftig auflösen und ich gucke sie mir so gerne an. Von daher ist Dein Bericht mit Deinem 150er Newton schon mal sehr, sehr hilfreich.

Btw, meinst Du „weit weniger UNästethisch“?
 
Hallo Sven,

Durch Eure Erläuterungen und ein paar Videos verstehe ich das nun ein wenig besser, oder sagen wir, es ist jetzt etwas nachvollziehbarer für mich.
Es ist eine Facette unseres Hobbies. Letztendlich probieren wir viele Wege aus, um unseren Augen zu schmeicheln, das reicht von Zeichnungen
astronomischer Objekte über die ganze visuelle Beobachtung zu EAA und Astrofotografie.
Mein Optimum ist der 16er unter unserem dunklen uckermärker Landhimmel, egal, ob das M13, M42 in Farbe oder der Zirrusnebelkomplex mit Filter ist.
Die Beweggründe Anderer zu ergründen, andere Wege zu gehen, finde ich aber immer reizvoll. Gerade weil ich es zunächt nicht verstehe.

CS,
Henning
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo Henning,

zu Deinem philosophischen Argument möchte ich nur kurz beitragen....auch der visuelle Beobachter sieht keine "uralte Photonen". Er erlebt frische, aktuell entstandene Wechselwirkungen des Feldes. Weder "direkt", noch über das NSG "fliegt" da etwas auf uns zu.
Von der Kette der Informationsweiterleitung ist das NSG also "nur" ein weiterer Zwischenschritt. Für die Einen ein Nogo, für die Anderen ein verstärkender Faktor.

vom visuellen Beobachter
Frank
 
Hallo Frank,
Na ja. Dann ist das Foto auch nur ein weiterer Schritt in der Informationsweiterleitung, oder die Skizze.
Stell Dir einfach vor, Du stehst mit den Füssen in der Brandung, da fliegt auch nichts auf Dich zu (Welle).
Und dann gib Dich mit einem Livebild vom Meer zufrieden. Das wäre für mich der Unterschied.
Ich möchte jetzt auch bitte nicht in die Opposotion gedrückt werden, weil ich das selber interessant finde.
Aber all diese Hilfsmittel verändern den Eindruck der Natürlichkeit und die Unmittelbarkeit des Gesehenen und das NSG ist dabei sogar noch
ziemlich nah am "Real Deal".

CS,
Henning
 
Am Ende geht es darum: Ich kann dir sagen, dass das Beobachten sich abgesehen von dem etwas anderen optischen Eindruck anfühlt, wie visuelles Beobachten. Sonst würde es mir als rein visuellem Beobachter auch nicht taugen. Es hat für mich als günstiger Kompromiss beispielsweise keinen Reiz, mit einem Smart Teleskop live auf dem Smartphone oder Tablet zu beobachten.

CS,
Sven
 
Hallo Sven,

Da bin ich auf ganzer Linie bei Dir. Siehe mein letzter Satz.

CS,
Henning
 
Leo hat die Aspekte des Gewinns durch Restlichtverstärker in Post #121 schön und treffend zusammengefasst.

Ergänzen möchte ich nur, und damit Henning's "Eingangsfrage" in seinem Post #120 auf andere Weise beantworten: Dieser Thread ist mit "Klassische Nachtsichtgeräte" überschrieben und behandelt überwiegend ältere Technik die nicht 10,000 EUR kostet sondern für 1000 EUR komplett mit Filter zu bekommen ist. Was Leo in seinem Post #121 über die OVNIs schreibt trifft auch auf solche Geräte zu, die ein Zehntel eines OVNIs kosten.

Die OVNIs sind die Lamborghinis der Nachtsichtgeräte. Ein Renault Kangoo (in meinem Fall: ein gebrauchtes Wolf 3S Nachtsichtgerät mit Gen2-Technik) tut es auch. Ein gebrauchtes Mercedes (in meinem Fall: ein gebrauchtes Zeiss NV 5,6x62 Nachtsichtgerät, ebenfalls mit Gen2-Technik) ist etwas Feines sofern ich es mir leisten kann. Ein Lamborghini wäre nett, ist aber völlig ausserhalb meiner finanziellen Möglichkeiten und daher nichts was ich erwägen oder empfehlen würde.

Gruß, Christopher
 
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