Ja, da hast du völlig recht, Micha.
Genau genommen gab es an diesem Flug
überhaupt nichts neues,
abgesehen vielleicht vom ersten Freiflug eines Methan-Triebwerks,
das aber auch schon viele Betriebsstunden auf dem Teststand hinter sich hat.
Und trotzdem, das besondere ist eben, genau wie du sagst, zum einen die
Schnelligkeit mit der SpaceX vorankommt (die Erfahrung mit der Falcon-9
hilft da bestimmt auch ganz erheblich), und ausserdem sind sie ja schon
einige Zeit dabei, ihre "Hausaufgaben" vernünftig zu machen.
Damit meine ich die Entwicklung des Raptor-Triebwerks.
Sicher ein wichtiger Grund für die Schnelligkeit ist auch, dass sie eben nicht
mit der bürokratischen Wasserfall-Methode arbeiten, sondern viel mehr
mit Hardware und Tests. Und sie können sich das erlauben, weil Wiederverwendbarkeit
oberstes Gebot ist, d.h. die Hardware geht nicht hopps nach jedem Test.
(Ausnahmen bestätigen die Regel, Crew-Dragon-1...

)
Man stelle sich jetzt mal fünf Probeflüge mit dem SLS "zwecks Optimierung" vor...
Und schliesslich, SpaceX hat ganz klar definierte Ziele.
D.h. die Chance dass das Ding tatsächlich ins All fliegt ist grösser als jemals zuvor
(bei vergleichbaren Projekten mit Raketen die auf ihrem Hintern landen).
Trotzdem bleiben natürlich noch viele Hürden zu überwinden:
- Das Triebwerk haben bzw. bekommen sie in den Griff.
- Danach an erste Stelle würde ich den Wiedereintritt mit der Schwitzkühlung setzen
(da bin ich wirklich gespannt ob das so funktioniert).
- Als zweites die Lagerung der Kryo-Treibstoffe über Monate
(da frage ich mich wie genau sie das wohl machen werden).
- Und danach das Betanken im All (das müsste hinzukriegen sein).
Treibstoff Produktion auf dem Mars ist natürlich nochmal ein ganz besonderes Kapitel,
das wird erheblich mehr Aufwand und Tests beinhalten als sich die meisten so denken.
Nicht so sehr der Prozess selber, aber die Rohstoffe (Eis!) müssen definitiv in akzeptabler
Menge und Konzentration gefunden werden, abgebaut, aufkonzentriert, gereinigt usw.
Das Produkt (CH4, O2) darf ebenfalls nicht viele Verunreinigungen enthalten.
Insbesondere Schwefelspuren sind Gift für den Katalysator des Sabatier-Prozesses.
Nicht unmöglich, aber ganz bestimmt nicht mal so nebenbei erledigt.
Das "Gute" an der Sache ist, dass das wirklich der allerletzte Schritt in der
Entwicklungskette ist. D.h. Verzögerungen hier blockieren nicht das gesamte System.
Mir persönlich reicht es erst mal, wenn sie auf dem Mond landen.
Und dann, natürlich, das
"human rating".
Ich tippe mal, dass sie dafür
sehr viele unbemannte Flüge fehlerfrei absolvieren müssen
um das zu bekommen, d.h. das wird noch Jahre dauern.
Und das ist auch gut so, denn das Starship hat keinen Rettungsturm
und kann auch nicht antriebslos landen wie ein Verkehrsflugzeug.
D.h. die Zuverlässigkeit der Triebwerke und des Systems muss jenseits aller Zweifel sein.
In diese Kategorie gehören auch die Langzeitaufenthalte ausserhalb des Erdmagnetfelds.
Es würde mich nicht allzusehr überraschen, wenn die ersten Astronauten an Bord eines Starships
"konventionell" mit Kapseln hoch und wieder runter gebracht würden.
Und schliesslich... die
Finanzierung.
Da kann ich wenig dazu sagen, irgendwie klappt es bis jetzt.
Die Falcon-9 bringt sicher Geld, Starlink vielleicht auch mal (oder auch nicht),
und es gibt sicher auch etliche wohlhabende Fans von SpaceX die was dazu geben.
Letztlich würde es mich nicht wundern, wenn die Rakete sich selber finanzieren würde.
Viele und schwere Nutzlasten preiswert in die Erdumlaufbahn,
und evtl. sogar nur ballistisch als extrem schneller interkontinentaler Transport.
Damit könnte dann auch die Zuverlässigkeit für das Human-Rating nachgewiesen werden.
Man wird sehen...
Gruss
Thorsten